Weihnachten vorbei

Der 1. Feiertag kam einem Familientreffen gleich. Zuerst kamen Nichte mit Mann und Baby, dann Bruder, dann ältester Bruder mit Frau und am Abend Schwester mit Mann. Der Tag an sich war vergnügt, aber doch sehr anstrengend für Schatz. Ich war auch froh, als der Tag vorüber war. Insgesamt ist nichts weiter passiert. Schatz konnte nicht schlafen, wollte eine Tablette..wehrte sich aber dann wieder mit aller Macht gegen den Schlaf.

Gegen Morgen ist er dann eingeschlafen. Der 2. Feiertag war dann eher ruhig. Gegen spätnachmittag kamen Bruder mit Frau, blieben aber nicht so lange – Schatz machte unmißverständlich klar, daß er lieber seine Ruhe haben möchte. Auch in dieser Nacht war Schatz eher unruhig. Gegen 2, 3 Uhr schlief er doch ein. Ich habe ein paar Stunden am Stück geschlafen und bin um 8 Uhr hoch. Schatz schläft nach wie vor…

Er hat Schmerzen und ich habe die Schmerzmittel erhöht. Auch ein Grund, warum er mehr schläft. Die letzten Tage isst er „mehr“. An einem Tag ein Käsebrot, Weihnachten ein Stückchen Fleisch vom Gulasch, am 1 Feiertag nichts und gestern eine Frühlingsrolle…eine kleine…hatte mir was vom Chinesen bestellt – aber nichts mit roter Soße…gebratener Reis und Ente.

Ich habe die Weihnachtsdeko wieder abgemacht und mir ging durch den Kopf, ob ich nächstes Jahr überhaupt schmücke… Warum soll ich für mich schmücken…ich lege ein Deckchen hin und das reicht mir. Ich hatte immer Spaß am Dekorieren, egal zu welcher Jahreszeit, oder Anlass. Schatz hat meine Deko immer gefallen und er erfreute sich daran..aber für mich…ich kann es mir jetzt nicht vorstellen.

Sowieso wird nächstes Jahr wieder ein beschissenes Weihnachten werden..es wird das erste sein ohne meinen Engel…mir graut es jetzt schon davor. Tagsüber wird es nicht so schlimm werden, denke ich, aber abends…jeder Abend wird schlimm werden, wenn Schatz nicht mehr bei mir ist.

Jetzt ist er bei mir und ich genieße jeden Augenblick. Wenn er mich anlächelt, wenn er einen Kuss verlangt, wenn er mich an sich ranzieht um mich ganz nah bei ihm zu haben…er hat Angst. Ich sage ihm immer wieder das ich bei ihm bin.

Es ist eine komische Situation. Ich will nicht das er geht, ich will nicht das er leiden muss…ich will ihn bei mir haben, aber ich bitte darum das er gehen darf…richtig verstehen kann das nur jemand, der eine solche Situation kennt….ich liebe ihn so sehr und doch bete ich um seine Erlösung….es ist ein scheiss Spiel…

Gestern Abend saß ich neben seinem Bett, wie ich dort immer sitze. Er schlief. Ich weinte leise vor mich hin. Ich sprach leise mit mir selbst, was ich denn ohne ihn machen soll. Wie soll ich mein Leben bestreiten, wenn er nicht mehr ist? Mein Weg geht weiter, das ist klar…die Frage ist nur wie…

Ich fühle mich jetzt schon so unendlich alleine. Ich meine nicht die Unterstützung von Familie und Freunde..das ist was anderes…er weiß, daß er mich alleine lassen muss…er will das nicht, weiß aber das er muss. Es ist das, was ihn noch hält. Er ist dem Tode schon so nah und auch nicht. Es kann jeden Tag soweit sein – oder sich noch um Wochen handeln..

Ich sagte ihm, daß er sich keine Sorgen um mich machen braucht, das ich das alles schon schaffe. Du gehst nur schon mal vor, ich komme nach..ich finde dich dann…ausserdem – sagte ich – holst du mich doch sowieso ab. Er nickte und lächelte. Ja das mache ich, sagte er.

Später kommt Nichte und bringt Gänsekeulen mit. Schatz freut sich darauf, auch wenn er nur einen, vielleicht zwei Bissen davon isst…aber immerhin. Bruder kommt heute auch wieder vorbei.

Die Frage nach dem „Warum“ ist die blödeste überhaupt..dennoch stellt man sie sich. Man kann nicht hinter die Kulissen schauen um zu wissen, warum es einen so hart treffen muss..warum man das durchmachen muss. Warum einem der andere genommen wird, auf so grausame Weise…

Bis dann