Der Anruf

Vorhin um viertel nach 12 Uhr Mittags klingelte mein Handy. Mein Herz blieb für eine Sekunde stehen und ich sah an der Nummer, das es das Krankenhaus war. Eine Ärztin war an der Leitung und meinte erst, das es der Mama soweit gut ginge, deswegen rufe sie nicht an. Sie sagte dann aber dann sich ihre Werte (Sattigung) immer weiter verschlechtern, sie alles ablehnt und versucht die Maske abzunehmen. Sie wollte wissen wohin der Weg nun führen soll. Auf der Intensiv können sie halt nicht mehr tun als beatmen. Ein weiterer Schritt wäre wieder intubieren, das ginge aber nicht für so lange, die Alternative wäre ein Luftröhrenschnitt, der dann dauerhaft verbleiben kann.

In einer Stunde etwa kommt meine Sis von der Schule. Ich muss dann mit ihr bereden was gesagt worden ist. Heute Abend muss ich dann Mama fragen was sie möchte. Möchte sich einen Luftröhrenschnitt?, oder möchte sie gehen. Das wird sehr schwer werden…ich soll dann der Ärztin mitteilen wie nun der Kurs sein soll…

Mama will nicht mehr. Das hat sie gesagt. Wem nutzt es sie weiter zu quälen? Ihr am allerwenigsten. Vielleicht kann sie auf die palliativ und dann gemäß ihrem Wunsch sediert werden, damit sie nichts mitbekommt. Dann heisst es warten. Warten das sie sich erlöst und frei ist von dem Körper der ihr Jahrelang die Luft zum Atmen genommen hat. Das kann dann noch einige Tage sein, vielleicht sogar noch Wochen. Es tut weh. Ich kann grade nicht denken, aber tief in mir weiß ich was zu tun ist. Ihren Wunsch erfüllen…

Mein Herz zerbricht wieder und tiefer. Die meisten meiner Freunde sind gestorben, mein Mann, meine Großeltern, mein Papa und nun die Mama. Alles in den letzten knapp 4 Jahren.

Ihre Lunge ist am Ende, der Körper geschwächt und sie will frei sein. Sie will gehen…in knapp 2 Wochen hat meine Sis Geburtstag. Papa ist 4 Tage nach meinem Geburtstag gestorben und Mama hat nun vor um den Geburtstag meiner Sis zu gehen. Was ist das nur…

Nach dem Krankenhaus schreibe ich weiter…

Hilflos..

Meine Sis und ich standen vor der Tür zur Intensiv und klingelten. Die Schwester fragte wie immer wer da ist und ich sagte:“Hallo, zu Fr. XXXX bitte“ und die Schwester sagte, das es einen Moment noch dauern würde. Der Moment schien ewig. Es waren nur ein paar Minuten, aber diese schienen endlos. Endlich ging die Tür auf und wir durften rein.

Mama war nicht mehr intubiert, aber noch sehr weggetreten. Sie konnte ihre Augen nicht öffnen, die Lider waren einfach noch zu schwer. Sie konnte aber auf Fragen reagieren mit Nicken oder Kopfschütteln für Ja und Nein. Die Werte am Monitor sahen gut aus. Puls bei um die 80, Sauerstöffsättigung pendelte zwischen 91 und 96, Blutdruck etwas hoch, aber noch in Ordnung.

Sie versuchte zu sprechen, bekam aber keinen Ton raus. Sie wiederholte ständig ein Wort das meine Sis und ich dann nach einer Weile herausfanden. Da sie mit ihrer Hand immer versuchte an den Mund zu gehen, hatten wir erst andere Ideen was sie wollte. Aber auf Fragen wie – hast du Durst, tut was weh, ist der Hals trocken, usw verneinte sie immer. Das Wort das sie sagte uns sagen wollte war – Doktor –

Ich fragte sie dann was sie denn dem Doktor sagen möchte. Was sie dann „sagte“ brach mir das Herz und ich wäre am liebsten in dem Moment einfach nur geplatzt. Sie sagte, ohne Ton, nur mit Lippenbewegung

Ich will sterben

Ich wiederholte die Worte um festzustellen ob sie das auch gesagt hat. Hat sie, sie nickte! Sie wiederholte das immer und immer wieder. Ich sagte zu ihr, das ihre Werte besser sind und sie sich wieder erholt. Sie schüttelte immer den Kopf. Auch wollte sie sich immer wieder die Sauerstoffbrille abmachen. Auch die Inhaliermaske die sie für 10 Minuten bekam lehnte sie mit einer Handbewegung ab, was die Krankenschwester nicht sah, oder sehen wollte, keine Ahnung. Auch diese wollte sie immer wieder abmachen. Sie will einfach nicht mehr.

Ich kann sie sogar verstehen. Als sie am Samstag keine Luft bekam, war das äusserst dramatisch. Sie hatte so eine große Angst zu ersticken und war so unendlich verzweifelt, das will sie nicht nochmal durchmachen.

Ich weiß nicht wie groß der Anteil daran ist, das sie noch unter heftigen Narkosemitteln steht. Sie war 5 Tage im künstlichen Koma. Das strengt an und auf die Frage ob sie müde ist schüttelte sie den Kopf, auf die Frage ob sie erschöpft sei – nickte sie. Wenn sie doch aber bereit ist zum sterben, warum ist sie nicht gegangen als sie im Koma lag? Ich sagte ihr das wir nicht böse sind wenn sie geht, das sie nicht mehr kämpfen braucht….den Ärzten sagte ich – keine Reanimation….

Sie ist noch nicht bereit. Es tut mir so weh sie so zu sehen. Sie leidet so unfassbar…

Ich sah im Gesicht meiner Sis, wie sie mit den Tränen kämpfte. Ich kämpfte auch, aber ich blieb „stark“. Warum auch immer – vielleicht um Kraft und Ruhe auzustrahlen..was weiß ich…

Egal wie wir versuchten sie zu „ermutigen“ sie schüttelte immer den Kopf. Meine Sis sagte, sie käme bald nach Hause – Kopfschütteln, das sie ja noch Päckchen bestellt hatte – Kopfschütteln, das sie ihre Lieblingssendungen schauen könne – Kopfschütteln… sie will einfach nicht mehr und ich verstehe das…aber ihre Werte bessern sich. Ich weiß sie hat Angst das alles nochmal durchzustehen…

Als ich ihr sagte, das es nichts nutzt wenn sie sich die Sauerstoffbrille abmacht, die Schwestern machen sie wieder dran und wenn  sie damit nicht aufhört, würde sie angebunden werden. Eine Träne kam aus ihren geschlossenen Augen begleitet von einem Kopfschütteln. Ich weiß nicht was ich machen soll…ich konnte nur da stehen und ihre Hand halten. Manchmal drückte sie meine Hand ganz feste…ich will ihr helfen, ich weiß nicht wie…

Als wir gehen mussten, sagte meine Sis – Wir haben dich lieb.

Mama formulierte mit ihren Lippen das sie uns auch lieb hat. Ich möchte bei ihr sein. Die ganze Zeit. Es geht aber nicht. Ich habe das Gefühl sie alleine zu lassen.

Ich bin so extrem angespannt, ich habe Angst davor was mich morgen erwartet. Ich hoffe die Ärzte reduzieren die Narkosemittel weiter und sie ist wacher morgen. Es macht ihre Situation nicht besser, aber wir können alle besser miteinander sprechen. Sie wird wieder sagen das sie sterben will, aber das geht halt nicht so einfach. Sterben ist nicht einfach! Das einzige das ich tun kann ist, ich werde mich mit dem palliativ in Verbindung setzen und mal abklären wie das ist mit der Sedierung auf Wunsch. Sie will nichts mitbekommen, das sagte sie vor einiger Zeit. Aber wenn es ihr doch besser geht?, wenn sie doch erstmal…erstmal…pfff…wieder atmen kann und es ihr einigermaßen „gut“ geht…ich respektiere ihren Wunsch und versuche ihn möglich zu machen, aber ich weiß im Moment gar nichts..sie soll nicht leiden. Heisst es nicht, es muss niemand leiden am Lebensende? Sie würde nach Hause kommen. Sie würde sediert werden. Wir würden uns kümmern und einfach da sein, egal wie lange es dauert…

Aber vielleicht hat sie doch noch ein paar schöne Wochen, Monate….ich verstehe sie doch…

Ich kann nicht mehr

Mama ich hab dich so lieb ♥