Erlöst

Meine Welt hat gestern aufgehört sich zu drehen. Mein Engel hat seine Flügel bekommen – am Sonntagmorgen 10. Januar 2016 um 6:30 Uhr.

Ich schreibe keine Details auf, ist es doch zu intim. Nur so viel sei gesagt – er ist leider nicht einfach nur eingeschlafen, wie ich es mir für ihn doch so gewüscht hatte…er ist erstickt…

Ich rief den pall. Dienst an und kamen auch sofort. Sie machten die Schmerzpumpe ab und legten ihn ganz grade hin. Bruder angerufen und Bruder kam auch gleich…ich war nur am weinen, konnte mich nicht beruhigen. Kurze Momente gab es schon, aber der Schmerz rollte immer wieder über mich drüber.

Sie sagten, daß gleich nochmal eine andere Ärztin käme, wegen dem Totenschein usw. Kurz bevor sie kam, ist Bruder gegangen. Sie hat alle Papiere ausgefüllt, mich getröstet und gelobt was ich doch alles für meinen Engel getan hatte.

Als sie wieder ging habe ich meinen Engel hergerichtet. Es waren mittlweile fast 2 Stunden vergangen und die Starre setze ein. Ich rasierte ihn und habe ihn gewaschen. Mit allem Drum und Dran, Rasierwasser für danach und Deo, damit er gut duftet. Ein neues T-Shirt habe ich ihm angezogen, Unterwäsche, Socken und seine Lieblingsjeans. Als letztes habe ich seine Haare gekämmt und ihm Münzen auf die Augen gelegt. Er sieht aus, als würde er nur schlafen…er lächelt…

Dann habe ich allen bescheid gesagt und es kamen auch fast alle vorbei im Laufe des Tages. Nur Schwägerin war den ganzen Tag bei mir. Nichten kamen, Freunde…alle haben sich rührend um mich gekümmert, selbst in Trauer…ich küsste ihn immer wieder und strich ihm über seine Haare…seine Wange..

Ich habe mich entschieden Schatz auch nicht gestern schon abholen zu lassen..er sollte den Sonntag noch bei mir sein und auch in der Nacht.

Die Nacht habe ich schlecht geschlafen…erst von halb 11 etwa bis um 3 Uhr. Da war ich irgendwie wach und konnte erst wieder gegen halb 6 für eine dreiviertel Stunde etwa wieder einschlafen..ich habe komisch geträumt..

Ich träumte das Schatz im Krankenhaus wäre, Tod..ich war bei ihm und er bewegte sich und fing auch an zu reden. Er sah aber tot aus..blass, die Augen gebrochen, dünn und abgemagert in seinem Wattehöschen. Keiner wollte mir glauben, daß er sich bewegt und mit mir spricht. Einmal kam jemand vorbei und hatte einen kleinen Defibrillator. Ein Stoß – Nulllinie – Schulterzucken. Er ist dann auch mal aus dem Bett gefallen und ich sagte – „sehen sie das nicht? Ein Toter kann nicht aus dem Bett fallen!“ (Szenenwechsel) ich kam ans Bett von Schatz und es war ein Fernseher angeschlossen und Schatz versuchte vergeblich daran zu kommen. Ich half ihm und sah dabei, das er eine Infusion gelegt bekommen hatte. Ich schaute drauf und es war Dexamethason (Kortison) und Propofol…das mit dem Narkosemittel habe ich nicht verstanden, freute mich aber – endlich haben die gesehen, daß er nicht tot ist…dann bin ich aufgewacht.

Heute muss ich anfangen die Bürokratie in Angriff zu nehmen. Als erstes Krankenkasse anrufen bescheid sagen, wegen dem Pflegegeld. Dann zum Bestatter gehen und da alles regeln und meinen Engel abholen lassen..danach Sanitätshaus anrufen – Bett kann abgeholt werden…

Heute Nachmittag wollte Schwägerin vorbei kommen und mich mit nehmen zu sich nach Hause. Ich will das aber gar nicht. Was soll ich denn da? Ablenkung wäre das nicht und „mal raus aus den Wänden kommen“ ist auch nicht, muss ja wieder zurück dann irgendwann…

Hiermit schließe ich das Krebstagebuch. Ich liebe meinen Engel und das werde ich immer tun…

Es weiss ja keiner, der’s nicht erlebt
wie’s ist, wenn einer die Flügel hebt
und leise, leise sich auf die Reise – die letzte macht.
Es weiss ja keiner, dem’s nicht geschah
wie’s ist, wenn einer nun nicht mehr da.
Wenn leer die Stätte des, den man
hätte so gern noch nah.

Ich liebe dich mein Baby!