Du bist bald frei

War pünktlich um 14 Uhr in der Klinik und die Ärztin sagte mir eigentlich nur das was sie mir am Telefon sagte. Mama verweigert Behandlungen, sie will nicht mehr, was machen wir jetzt. Die Optionen waren – Intensivstation bleiben, Normalstation oder Hospiz. Sie sagte aber auch, das es mit dem Hospiz Stunden, oder Tage dauern kann bis sie einen Platz hätten bzw wäre der Transport unnötiger Stress. Ich sagte, das es auf der Intensiv doch am besten wäre. Dort hätte sie die maximale Versorgung und die Ärztin stimme mir zu.

Ich durfte dann auch schon zu Mama, lange vor der Besuchszeit. Sie schlief und ich ließ sie schlafen. Nach einer Weile wurde sie wach. Sie erkannte mich sofort und es dauerte nicht lange da sagte sie mir: „Ich kann nicht mehr“

Sie hatte ihre Stimme wieder und ihre Augen sprachen Bände. Ich weiß, sagte ich und es ist ok. Sie entschuldigte sich und ich sagte wieder mit Tränen in den Augen, das es ok ist, das es gut ist. Sie muss sich nicht entschuldigen, sagte ich ihr und das ich das verstehe.

Sie wiederholte es einige Male. Wir sprachen auch über andere Dinge dann. Sie möchte ins Feuer, sie hat uns sehr lieb und noch ein paar andere liebe Dinge die ich für mich behalte. Die Krankenschwestern waren sehr fürsorglich und haben uns allen Raum gegeben. Um halb 6 kam meine Sis. Ich war im Vorraum der Intensivstation, da ein anderer Patient ein Arztgespräch hatte und ich draussen warten sollte. In der Zeit kam meine Sis und ich versuchte erst locker ein anderes Thema anzuschneiden. Ich erzählte ihr von dem Patient der immer versucht hat aufzustehen und dann immer hingeknallt ist. Die Schwestern waren nicht sehr erfreut darüber und drohten ihm mit einer Fixierung. Dann ging auch schon die Tür auf und ich bzw wir durften wieder rein.

Kaum waren wir an Mamas Bett fing meine Sis bitterlich an zu weinen. Mama sagte wieder, es täte ihr so leid, meine Sis solle nicht weinen, aber sie (Mama) kann nicht mehr.

Es kamen dann ein Arzt und eine Schwester und meinten, Mama würde gleich in ein anderes Zimmer gebracht werden. Die Nasensonde bekommt sie gezogen und sie bekommt ein „starkes Schmerzmittel“ damit sie keine Angst hat und besser atmen kann. Ich dachte gleich an – warum sagen die nicht Morphium. Denn das war das „starke Schmerzmittel“. Gegen 18 Uhr wurde sie dann in ein anderen Raum geschoben. Ein Ein-Bett-Zimmer. Die Nasensonde hat die Schwester dann auch gleich entfernt, das war nochmal sehr unangehmen, aber ging schnell. Dann verschwand die Schwester wieder und meine Sis und ich saßen an Mamas Bett, jeder auf einer Seite, und streichelten sie bzw hielten ihre Hand. Gegen halb 7 kam dann die Schwester wieder und hatte das Morphin in der Hand. Sie klemmte die große Spritze in einen Perfusor und stellte ihn auf 2mg/h .

Mama sagte – endlich, ihr ging es nicht schnell genug. Sie wollte nicht noch länger Zeit „verschwenden“, sie wollte endlich gehen dürfen. Sie erzählte noch ein paar Dinge und wurde dann schläfrig. Zwischendurch, als sie immer mal wieder aufwachte, wollte sie Tee. Ich gab ihr den Pfefferminztee schlückchenweise, damit der Hals befeuchtet ist aber sie sich nicht verschluckt. Dann schlief sie ein. Wachte wieder auf, wollte Tee, schlief wieder ein. Das Morphin wirkt.

Die Schwestern sagten zu uns, wir könnte bleiben so lange wir wollen. Wir waren dann aber „nur“ bis halb 9 etwa da, dann sind wir gegangen. Ich wollte nicht gehen, aber ich irgendwie wollte ich auch nicht bleiben. Mama drückte unsere Hand immer wieder. Wachte kurz auf, aber ihr Blick war schon sehr weit draussen. Das Morphin wirkt. Kurz bevor wir gegangen sind wachte Mama nochmal wieder auf und wollte diesmal Wasser. Ich gab ihr einen Schluck, dann noch einen und sie sagte:“Das tat gut“.

Schweren Herzens sind wir dann gegangen. Haben uns vorher nochmal verabschiedet, küssten uns und sie winkte. Es bricht mir das Herz. Sehe ich sie in dem Moment doch zum letzten Mal…

Die Schwestern fragetn ob ich angerufen werden möchte und ich sage. „ja auf jeden Fall“, sie fragen auch Nachts?, egal zu welcher Zeit?, und ich sagte wieder: „Ja bitte rufen sie mich sofort an“.

Um halb 10 waren meine Sis und ich bei mir zu Hause. Sie blieb noch kurz und ist dann gefahren. Ich warte nun die ganze Nacht darauf dass das Telefon klingelt und sie sagen, das Mama es geschafft hat. Ich habe mir einen MariaCron gekauft und trinke ein Glas auf sie. Ich warte nun quälende Stunden darauf, dass das Handy klingelt. Das es vorbei ist, das Mama endlich frei ist.

Wir haben jetzt halb 11 gleich. Es kann noch Stunden dauern. Ich hoffe so sehr für Mama das sie nichts mitbekommt. Das war ihr größter Wunsch.

Mama schlaf gut, wir sehen uns wieder. Du bist frei und musst dich nicht mehr quälen.

Mama ich liebe dich! ♥

 

2 Gedanken zu “Du bist bald frei

    • Ach Pam…ich danke dir. So schrecklich das Leben für mich in den letzen Jahren war, es ist bald vorbei. Da ist ja niemand mehr. Alle meine engen und besten Freunde sind gestorben, meine Großeltern, der Papa, mein Mann und nun ist die Mama dran. Ich habe dann nur noch meine Schwester, und ihr geht es gut, ansonsten ist da ja wirklich niemand mehr den ich betrauern muss/kann. Es beginnt nun wieder ein völlig neuer Lebensabschnitt für mich. Es sind immer so mega krasse Veränderungen, wie mit dem Holzhammer, aber es scheint als wäre das Leben so für mich geplant. Wer weiß für was es gut ist. Ich glaube daran, das alles einen Grund hat, das alles was mir passiert zu etwas Gutem führt. Anders, glaube ich, könnte ich das alles auch gar nicht aushalten…ich danke dir dir für deine Anteilname. LG

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