Hotel California

Mein letzter Eintrag war am 10. Januar. Das ist eine ganze Weile her. Inzwischen ist auch viel passiert. Viel passiert mit mir – gute Dinge. Nur handelt dieser Eintrag nicht davon. Wollte darüber berichten wie ich heile und es mir einfach gut geht.

Mein Leben dachte sich aber – dir geht es gut? Gib mir einen Moment! Ha Ha Ha

Gestern bekam ich einen Anruf von Avni. Zuerst eine WhatsApp. In dieser stand, dass es Rumpelstilzchen nicht gut geht und ein Krankenwagen angefordert wurde. 2 Minuten später dann der Anruf. Rumpelstilzchen ist tot.

Ich fragte mehrmals nach, denn für den Bruchteil einer Sekunde wollte ich es nicht hören. Ich war regelmäßig bei ihm, habe mich um ihn gekümmert. Er hatte ja nichts. Hartz4, arbeitsunfhähig, kein Geld. Ich ging einmal, zweimal die Woche ein paar Lebensmittel einkaufen, damit er sein bisschen Geld für seinen Tabak usw. verwenden konnte.

Am 13. Februar, sein Geburtstag, war ich bei ihm und dann erst wieder Anfang April. An seinem Geburtstag ging es ihm richtig gut. Er war, wie er eben war. Dann Anfang April ein Bild des Leidens. Von da ab war ich jede Woche bei ihm. Seine Schulterschmerzen waren richtig schlimm geworden. Er hatte diese Schmerzen in der Schulter seit gut einem Jahr, vielleicht etwas länger. Er war richtig abgemagert und er hatte nur noch eine leise heisere Stimme. Er erzählte mir, er hätte eine Bronchitis oder sowas gehabt, ihm ginge es aber besser. Die Lunge würde nicht mehr wehtun und er hätte auch keinen Auswurf mehr, kein Fieber mehr usw. Wie er erzählte, dachte ich da aber eher an eine Lungenentzündung.

Ich ließ das alles so stehen. Woche für Woche ändert sich seine Stimme nicht. Er erzählte mir Ende April, das er manchmal keine Luft bekäme und schnell erschöpft sei. Er habe nicht einmal mehr die Kraft um in den Tante Emma Laden zu gehen. Das sind um die 60 Meter nur. Er müsse sich mehrmal setzen. Die Alarmglocken in meinem Kopf schrillten auf. Sie klingelten schon eine Weile. Ich verdrängte das. Ich dachte, vielleicht interpretiere ich zu viel rein und es ist doch nur eine Bronchitis gewesen…

Aber als er mir das erzählte, konnte ich die Alarmglocken nicht mehr überhören. Lungekrebs…ich sprach auch mit ihm darüber. Ich nahm die Worte nicht in den Mund, aber er verstand genau was ich ihm sagte. Auch im Laufe des Mai besserte sich seine Stimme nicht. Und er wurde noch schwächer.

Zuletzt war ich Anfang Juni bei ihm. Er sagte, das Amt würde ihm jetzt mehr Geld überweisen denn eine Ratenzahlung wäre zu Ende. Er sagte mir wieviel er bekäme und das er damit den Monat gut rum käme. Ich meinte, dass wäre ok und ich würde dann so um den 20. wieder vorbeikommen.

Dann gestern der Anruf. Dieser eine Anruf vor dem ich mich schon seit Anfang April gefürchtet habe. Es ging so schnell jetzt. An seinem Geburtstag war er wie immer…nun ein paar Monate später ist er tot. Er ist der letzte aus unserem „inneren Kreis“.

Zuerst starb Norbert, mein Ex/bester Freund. Dann starb mein Mann, mein Engel meine Seele…und nun Reiner….unser Rumpelstilzchen…mit nur 61 Jahren. An seinem Geburtstag kam Hacky auch vorbei und wir sprachen darüber, das wir die letzten seien aus unserer Gang. Wir ahnten alle nicht..ich ahnte nicht, was für eine Bedeutung diese Worte hatten. Nun ist der innere Kreis aufgelöst. Nur ich bin noch da. Aus dem „äußeren Kreis“ sind auch nicht viele mehr da. Nur noch Otto, der Karl, die Künstlerin Uli…Avni und Norman gehören nicht zu „unserem Kreis“. Dieser Freundeskreis, unsere Clique, Gang, Rudel, was auch immer, entstand vor über 20 Jahren. Das waren die „AltBiebricher“ und ich bin als letztes dazu gekommen. Habe alle in einem Alter von 19 Jahren kennengelernt. Ich bin nun 41 Jahre alt. Und nun ist keiner mehr da von unseren Leuten ausser eben uns 5. Künstlerin, Mainzer, Geisenheimer, Hacky und ich. In den letzten 10 Jahre sind die meisten gestorben. Mit Reiner zusammen sind es nun insgesamt 13…

Vorgestern Abend hatte ich schon eine Ahnung. Ich wusste es aber erst hinterher. Ich hatte ein seltsames Gefühl, ich konnte es nicht einorden. Wie so eine Art spontan Depression. Schweren Gemüts ging ich ins Bett und grübelte darüber nach. Ich hoffte das es nichts mit Mama zu tun hatte. Hatte es auch nicht. Als der Anruf kam – wusste ich es. Ich fühlte das Reiner uns verlässt.

Am Abend habe ich mir eine Flasche von seines Lieblingsgetrank (Chantré) geholt. Ihm zu ehren wollte ich einen kleinen Schoppen trinken, mit viel Cola… Den ganzen Tag über war ich recht gefasst. Mein Verstand sperrte ab. Mir sind nicht mal Erinnerungen eingefallen, Gespräche die ich noch vor 2 Wochen geführt hatte usw. Nichts. Nur in einem dicken Nebel kam mal das ein oder andere durch, aber sehr schwach. Vielleicht eine Art Schock, ohne das ich es mitbekommen habe..keine Ahnung…jedenfalls saß ich dann Abends im Garten und trank ein Glas. Der Chantré stieg mir direkt zu Kopf..klar nach der langen Abstinenz. Ich füllte mir ein 2. Glas und nahm mein Handy mit in den Garten. Ich trank ein Schluck und sprach laut „Ach Reiner…“ aus und trank noch ein Schluck. Ich steckte mir die Ohrhörer in die Ohren und spielte eines seiner Lieblingslieder ab. Er hat dieses Lied bis zu Vergasung auf seiner Gitarre gespielt.

Von den Eagles „Hotel California“

Kaum hörte ich das Gitarrenintro brach es aus mir raus. Ich sah ihn ganz deutlich vor mir wie er spielte und ich brach zusammen. Ich heulte und heulte und es tat alles so weh. Alles in mir verkrampfte. Als ich dann aufhören konnte sagte ich mir nur:“ Jetzt bist du wieder beim Horsti…und grüße Norbert von mir. Wir sehen uns wieder.“

Ich komme aus der Trauer nie wieder raus. Vor 7 Jahren Norbert, vor 2 Jahren Horsti, dann mein Papa vor einem Jahr und nun Reiner…dabei ging es mir so gut in der letzten Zeit… Heute habe ich dann erstmal alles abtelefoniert. Polizei, weil die Wohnung versiegelt wurde und ich noch Besitztümer in seiner Wohnung habe. Ortsgericht um zu erfahren wann die Bestattung ist und wie ich an mein Zeugs komme usw.

Unseren Freunden und Bekannten haben Vorderhauszote und ich gestern schon bescheid gegeben. Es ging rum wie ein Lauffeuer.

Naja..mal sehen was nun passiert demnächst. Wann die Beerdigung ist usw.

Leb wohl Reiner…du wirst mir fehlen. Was mich tröstet ist – ein Teil der alten Gang, des inneren Kreises ist wieder vereint.

 

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