Grausame Routine

Gestern Abend bin ich immer wieder zu Papa ans Bett und streichelte ihm seine Wange. Ich sprach auch immer wieder mit ihm. Er war so kalt und er sah so entspannt aus. Als würde er nur schlafen. Hin und wieder weinte ich. 

Um viertel nach 8 fragte ich ihn was wir denn im TV schauen wollen und las ihm eine Auswahl vor. Ich schaltete einen Action Film ein. Ich habe den Film gar nicht richtig verfolgt. Gedanken kreisten immer wieder durch meinen Kopf und immer wieder bin ich zu ihm hin. Gegen 11 Uhr war ich müde und machte es mir auf der Couch bequem. Ich wollte ja diese eine letzte Nacht noch bei ihm sein. Ich ließ auch das Ambilight vom TV an. Alles so, wie es die letzten Wochen war. Was mich gestört hat und immer wieder zum Weinen brachte war diese Stille. Kein Sauerstoffgerät, kein Atmen und schnarchen, kein Rasseln, keine Bewegung…es war so verdammt still….

In der Nacht bin ich mehrmals aufgewacht. Das erste mal kurz nach Mitternacht. Dann um 3 Uhr, um 5 und um 7 Uhr bin ich aufgestanden. Mama hat um 3 Uhr einen heftigen Hustenanfall bekommen, gegen Morgen nochmal. Meine Schwester schrieb eine Guten Morgen WhatsApp und schrieb auch das sie um 3 Uhr in der Nacht aufgewacht war. Fand ich lustig und musste sofort an Pa denken. Ich strich ihm über den Kopf und sagte“das warst du, stimmts?“ und gab ihm einen Kuss auf die Stirn.

Um 8 Uhr ging es dann los. Die grausame Routine. Ich musste viele Telefonate führen. Bescheid sagen das mein Vater verstorben ist. Mit den Versicherungen telefonieren, dass ich die Verträge übernehme, Physiotermine absagen usw. Dann den Bestatter. In Nordenstadt gibt es keinen. Als rief ich den Bestatter an, der auch meinen Engel beerdigt hat. Am Telefon sagte er, sie wären in einer halben Stunde etwa da. So schnell, dachte ich mir. Ich hinter zur Mama und sagte ihr das. Dann fragte ich sie, ob sie nochmal Tschüss sagen wollte. Wollte sie. Ich schob sie dann zu ihm und verließ das Wohnzimmer. Ich konnte aber hören was sie sagte und es war herzzerreißend. Sie bedankte sich bei ihm, sagte ihm das er alles so toll gemacht hat, nicht mehr leiden müsse und das sie ihm bald folgen wird, damit sie wieder zusammen wären. Auch noch andere Dinge, die behalte ich aber im Herzen.

Nach einer Weile ging ich wieder ins Wohnzimmer zurück und wir weinten beide. Wir sprachen darüber wie er war, wie schön er angezogen und rasiert ist. Das war ihm immer wichtig, dass er ordentlich und chick aussah. Und das tat er! Und so sollte er auch dieses Haus verlassen… Ich schaute auf die Uhr. Die kommen jeden Moment. Ich strich Papa ein letztes Mal über die Wange und gab ihm einen Kuss. „Tschüss Papa, wir sehen uns wieder!“ sagte ich. Auch Mama küsste Pa zum Abschied. Schon klingelte es an der Tür. Ich schob Mama auf die Seite. Der Bestatter und noch jemand hoben Pa aus dem Bett und packten ihn in diesen schrecklichen Leichensack. Als sie den Reißverschluss zu machten, brach Mama fürchterlich in Tränen aus. Ich versuchte mich zusammen zu reisen und nahm sie in den Arm. Dann sind sie gegangen.

Ich sagte zur Mama, dass es immer nochmal wie sterben ist, wenn sie ihn abholen. Denn jetzt ist er endgültig weg. Sein Leben, seine Seele und sein Körper. Dann brach es auch aus mir raus… Mama wimmerte:“ja…jetzt ist gar nichts mehr von ihm da“ Sie bekam schlecht Luft. Das weinen strengt sie sehr an. Ich gab ihr eine halbe Tavor zum Beruhigen und brachte sie wieder in ihr Zimmer. Ich bin wieder ins Wohnzimmer und räumte die Sachen weg. Bettzeug, Medikamente usw. 

Ich rief den Hausarzt an um mitzuteilen das Papa tot ist und es Mama schlecht geht. Der Arzt ist dann Mittags vorbeigekommen. Der Nachmittag war ruhig. Habe fürs erste alles erledigt. Ich war im Wechsel zwischen heulen und totaler Leere. Immer wieder musste ich auch an meinen Engel denke. Dann wieder an Pa…

Morgen kommt meine Schwester und bleibt die Woche hier. Sie ist krankgeschrieben. Sie kann jetzt nicht arbeiten. Ich spreche mich dann ab, ob ich dann vielleicht Ende der Woche nach Hause fahre. Ich muss ja immer noch in meiner Wohnung weitermachen. Trotz der Trauer…trotz allem..

Meiner Schwester und mir gehört nun das Haus. Ich will es nicht. Ich will Papa wieder haben…

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