Jetzt ist er frei…

Die Nacht auf Samstag war anstrengend. Papa wollte nicht schlafen. Er war sehr unruhig und und fahrig mit den Händen und Beinen. Das Rasseln war mal stärker, mal schwächer. Reden konnte er manchmal nicht, es kamen nur Laute aus seinem Mund. Manchmal konnte er kurze Sätze sagen sodas man sie verstand. Es waren auch wieder die Leute da, die nur er sehen konnte. Er meinte, sie würden ihm zuhören und sie beobachten ihn, sagen aber nichts. Sie sollten sich doch setzen und nicht da rum stehen. Er meinte auch mal, es wäre eine Kamera auf ihn gerichtet. Horsti sagte das auch…

Am Morgen ist er eingeschlafen. Er konnte nicht richtig trinken. Ich beschloss dann ihm keine Medikamente zu geben. Auch seine Sprays , wie das Spiriva konnte er nicht mehr nehmen. Ich schaute auf die Uhr, es war halb 9 morgens. Gegen 11 wollte meine Schwester kommen. Es schneite und sie wollte langsam fahren. Um viertel nach 11 kam sie. Kurz vorher dachte ich mir noch, wo bleibt sie denn, denn ich wollte los. Irgendwie hatte ich dann aber wieder das Gefühl nicht fahren zu wollen.

Ich erklärte meiner Schwester was „es neues“ gibt und ich sah ihr an das sie mit den Tränen kämpfte. Ich stellte mich neben das Bett von Papa und verabschiedete mich wie immer. Dann wollte ich gehen, drehte mich aber nochmal um zu ihm und strich ihm über den Arm. ‚Ich habe dich ganz dolle lieb“ sagte ich zu ihm. Ich sagte dann noch, er solle keinen Quatsch machen und das wir uns morgen wieder sehen würden. Wieder hatte ich dieses komische Gefühl, es schnürte mir die Kehle zu. An der Wohnzimmertür sagte ich ihm nochmal das ich ihn lieb habe. Ich verabschiedete mich noch von Mama und Sis und bin dann los. Mein Kopf war leer und ich wollte auch nicht an morgen denken.

Zu Hause habe ich nicht weiter gepackt. Ich schaute nur fern. Eigentlich wollte ich auch meinen Abschiedsumtrunk absagen, tat dies dann aber nicht. Gegen 5 kamen dann Rocky und Mainzer, zwischendurch Vorderhauszote hin und wieder und Rumpelstilzchen. War ein schöner und lustiger Abend. Meine Gedanken waren ständig bei Papa. Um 1 halb 2 Nachts etwa fing ich bitterlich zu weinen an. Es war nicht wegen meinem Baby, ich wusste nicht warum. Ich heulte und heulte. Nach einer Weile ging es wieder und ich bin ins Bett. Gegen 11 bin ich aus einem traumlosen Schlaf erwacht.

Vorderhauszote wollte um12 kommen, die Waschmaschine endlich abholen. Gegen 1 war er immer noch nicht da und auch nicht erreichbar. Ich machte dann los. Ich tat etwas, das habe ich noch nie gemacht. Ich bin in die Stadt runter gelaufen und habe mir bei McD was zu essen geholt. Dann bin ich zur Bank, wollte einen Verrechnungsscheck einwerfen. Die Tür war aber gesperrt. Egal, dachte ich mir, in Nordenstadt ist auch eine VoBa. Ich fuhr dann nach Nordenstadt, eine Haltestelle weiter und warf dort den Scheck ein. Langsam lief ich dann nach Hause.

Ich öffnete leise die Tür und meine Schwester kam in den Flur geschossen. War schon seltsam. Dann sah ich ihr Gesicht. Verzweiflung, Kampf mit Tränen. Sie sagte“ich glaube er atmet nicht mehr“. Ich schoss ins Wohnzimmer und sah dann schon das mein Papa tot war. Ich fühlte den Puls, er war nicht da. Auch war er ganz kalt. Ich sagte meiner Sis „ja, Papa atmet nicht mehr“. Meine Schwester brach in Tränen aus und wir umarmten uns. Ich musste auch weinen, klar. Ich fragte sie, seit wann er nicht mehr atmet.

Sie erzählte, das sie Dschungelcamp geschaut hatte und Papa hätte immer leiser geatmet. Sie wäre dann auch so gegen Mitternacht, halb 1 eingeschlafen. Gegen 8 Uhr sei sie wieder aufgewacht und hätte sich gewundert, dass Papa so fest schläft. Irgendwann machte sie sich Gedanken, das er sich nicht bewegt. Durch das Sauerstoffgerät meinte sie aber Atemgeräusche zu hören. Im Internet las sie, das kurz vor dem Tod eine Schnappatmung auftritt und das wäre nicht der Fall gewesen. Sie war sich dann unsicher. Puls usw. hatte sie nicht gefühlt und Mama auch nichts gesagt.

Ich fragte sie, warum sie mich nicht angerufen hätte, ich wäre sofort gekommen. Kein Vorwurf, auch wenn es sich so anhört. Sie antwortete, dass sie ja nicht wusste was war. Ich nahm sie wieder in den Arm und tröstete sie, das sie nichts falsch gemacht hat. Ich ging dann zu Papa und legte die angewinkelten Beine grade hin. Die Leichenstarre war nicht sehr fest und ich konnte die Beine ohne Kraftaufwand grade hinlegen. Die Starre löst sich nach etwa 12 Stunden wieder. Ich schaute auf die Uhr und es war halb 2. Papa muss dann etwa um halb 1 gestorben sein. Vermutlich kurz nach dem meine Schwester eingeschlafen ist, denn sie sagte ja – er hätte immer leiser geatmet…

Dann wusste ich auch auf einmal warum ich so geweint hatte in der Nacht….ich spürte das Papa gegangen ist…

Dann gingen wir zu Mama hinten in ihr Zimmer. Sis weinte und ich sagte“Papa atmet nicht mehr“. Wir saßen zu dritt in ihrem Bett und umarmten uns. Sprachen uns gegenseitig Trost aus. Ich ging dann eine rauchen, danach zu Papa und streichelte ihn über seine kalte Wange und sagte“jetzt hast du doch Quatsch gemacht“. Ich stand eine Weile an seinem Bett und streichelte ihn. Dann ging ich wieder hinter und fragte Mama , ob sie ihn sehen möchte. Sie bejahte und ich schob sie sie dann zu ihm. Zwischenzeitlich rief ich den palliativ Dienst an. Ein Arzt war auf dem Weg. Nach einer halben Stunde kam er dann. Eher sie, denn das war die Frau Dr. Zapletal. Ich öffnete die Tür und war freudig überrascht sie zu sehen. Sie hatte letztes Jahr uns auch betreut. Sie umarmte mich, sprach ein Beileid aus und war voll des Lobes, dass ich die Kraft habe und mich so um Papa gekümmert habe. Sie lachte und sagte auch, als wir uns beim pall. Dienst angemeldet hätten und mein Name auftauchte, war der Hr. Müller positiv überrascht und meinte „ist das unsere Fr.“MeinName“? Die Ärztin sagte JA und das Team fand das so toll. Sie fragte mich auch, warum ich nicht in die Sterbebegleitung gegangen wäre. Ich meinte, keine Ahnung, hat sich irgendwie verlaufen. Sie bot mir an, ich solle mich doch mal melden, sie und andere aus dem Team würden es begrüßen wenn ich bei denen einsteigen würde.

Während dem Gespräch schrieb sie den Leichenschauschein und tröstet ganz liebevoll die Mama. Sie ging dann wieder. Mama streichelte unentwegt Papa und sprach mit ihm. Nach einer Stunde wurde es ihr zu anstrengend und sie wollte wieder in ihr Zimmer, in ihr Bett. Durch die Aufregung bekam sie schlecht Luft. Die Ärztin sagte, ich könne ihr Tavor geben zur Beruhigung. Half auch recht schnell.

Meine Schwester und ich zogen Papas TShirt aus und wuschen ihn. Gemeinsam zogen wir ihm ein schwarzes Hemd an. Das hätte ich alleine nicht hin bekommen. Sis ist dann gefahren. Ich habe Papa rasiert, seinen Schnauzer in Form gebracht und ihn weiter angezogen. Die Hose vom Anzug, den er trug als meine Schwester geheiratet hat und auch die Schuhe. Er sieht gut aus…

Was mich quält – er wollte am Freitag eine Scheibe Schinken haben, oder ein Schnitzel. Sein Lieblingsessen. Wir hatten keine Schnitzel da, aber Schinken. Ich habe es ihm nicht gegeben und sagte, es wäre nichts da. Ich habe ihm seinen letzten Wunsch verwehrt…es tut mir so leid.. Aber er konnte doch nicht mehr essen, er hätte den Schinken nicht runter bekommen, und wenn hätte er erbrochen….es tut mir so leid..

Zum Glück durfte er einfach einschlafen. Seine Augen waren geschlossen und auch sein Mund. Ich bin dankbar das es so gekommen ist und er nicht diesen hässlichen Erstickungskampf haben musste, wie mein Engel ihn durchmachte.

Heute Nacht schlafe ich nochmal auf der Couch. Ich bleibe an seiner Seite, so wie ich es jeden Tag in den letzten Wochen war. Morgen muss ich einen Bestatter anrufen…dann geht alles seinen Gang. 

Mama wollte zum schlafen ein TShirt von Papa haben. Papa habe ich eine Kerze ans Bett gestellt.

Papa ich danke dir das du mir so ein liebevoller und fürsorglicher Vater warst. Ich habe dich so unendlich lieb!

2 Gedanken zu “Jetzt ist er frei…

  1. Liebe Vero,sende Dir auf diesem Weg mein Herzliches Beileid zum Tod Deines /Eures Vaters. Die Sonne scheint gerade so penetrant in unser Wohnzimmer…das es sich so anfühlt als müsst ich ein schlechtes Gewissen haben dafür…während ich hier konduliere.Das passt irgendwie nicht.Ich denke an Dich.Pamela.

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