Sprung in den Abgrund

Papas Zustand verschlechtert sich gerade rapide. Es geht seit Mittwoch eigentlich schon so, eher Dienstagnacht. Tagsüber schläft er nur noch, Nachts auch, aber nicht so wie am Tage. Nachts hat er Stuhlgang, meistens ab halb 1. Es geht in Richtung Stuhlinkontinenz. Er sagt, er muss und schon läuft es aus ihm heraus. Seit 2 Tagen uriniert er nicht mehr und wenn, ist es rötlich. Nierenversagen…. 

Auch sein Wasserglas kann er kaum noch halten, es fällt ihm aus der Hand. Er hört ganz schlecht und redet kaum noch. Die Sprache ist verwaschen. Oft zeigt er nur was er möchte. Zeigt auf den Mund, wenn er Durst hat, schiebt die Decke weg, wenn er muss. Er versteht nicht was man ihm sagt. Einfachste Dinge nicht. Wenn er schläft, arbeiten seine Hände oft mit und wenn er aufwacht, kann er sich nicht orientieren, denkt er träumt noch. Wenn er mich anschaut, weiß ich nicht, ob er mich ansieht, oder durch mich durschaut..

Es ist alles so wie bei meinem Engel…es zerreißt mich…Erinnerungen kommen hoch und ich habe große Mühe mich zu konzentrieren. Es geht schon, denn in DEM Moment bekommt Papa ja meine volle Aufmerksamkeit. Ich meine eher die ruhigen Stunden..

Er greift öfter an den Galgen und rüttelt nur daran…das hat Horsti auch ständig getan.

Sicherlich spielt das Morphium eine Rolle dabei…das Eine bedingt jedoch das Andere…

Heute morgen wachte er auf und krabbelte sich über den Bauch. Ich fragte ihn was er denn suche, und er sagte, ob ich den Pfeffer weg getan habe. Es stellte sich heraus, dass er sein Fresubin gemeint hatte. Ich bot ihm ein neues an und er bejahte. Es stand dann aber nur da und er rührte es lange Zeit nicht an.

Er wird unruhig und manchmal pampig. Ich verstehe das. Wer wird nicht motzig, wenn man spürt das man nicht mehr kann, was noch vor ein paar Tagen funktionierte…

Am Vormittag war er oft er wach und starrte aus dem Fenster. Dann griff er wieder zum Galgen und rüttelte daran. Langsam, so scheint es, setzt er sich damit auseinander, dass es nicht mehr besser wird…das er sterben wird…wirklich kann ich nicht wissen was er denkt, wie er denkt…ich sehe aber seinen inneren Kampf mit sich. Er kämpft manchmal auch mit sich um nicht einzuschlafen. War bei meinem Baby auch so…die Angst nicht mehr aufzuwachen. Immer wieder schläft er dennoch ein.

Ab Mittag war er im ständigem Wechsel zwischen wach und Schlaf. Er war sehr unruhig und nestelte ständig an seiner Decke, oder Hand, oder sonst etwas. Ihm ist schlecht. Er mag seine Decke nicht, sie liegt zu schwer auf ihm. Er schüttelt oft den Kopf, er denkt nach….er ist im Morphiumrausch…es macht es nicht einfacher, nicht für ihn… Manchmal bewegt er seinen Mund, als ob er spricht, aber es kommt kein Ton raus. Dann wieder einzelne Worte, mit aller Kraft formuliert. 

Am Nachmittag sagte er, er gehöre nicht hier her. Ich sagte ihm, er wäre doch zu Hause. „Zu Hause?“ fragte er, “ wer hat mich hier her gebracht?“. Ich antwortete:“Du selbst wolltest nach Hause“. „ich bin so durcheinander“ sagte er dann noch und erbrach sich. Oh man…das erste mal Symbol Sprache. Jetzt ist es sicher…er hat nicht mehr lange…die Terminalphase läuft…ich war mir bisher nicht so ganz sicher, aber nun bin ich es….

Ich hoffe er stabilisiert sich über Wochenende…ich will nicht das meine Schwester das so erleben muss…

Er entfernte die Nasenbrille vom Sauerstoffgerät und ließ sie auf den Boden fallen. Ich gab sie ihm wieder und er fragte, ob er das brauche. Er war nicht in der Lage sie sich selbst anzubringen. Ich tat das für ihn.

Auch am Nachmittag wollte er Mama sehen. Ich setzte sie in den Klostuhl mit Rollen und brachte sie zu ihm. Zuvor erzählte ich ihr Papas Zustand. Sie war sehr gefasst. Als ich sie dann ins Wohnzimmer schob, brach es jedoch dann auch aus ihr raus. Sie fing sich schnell wieder und ich zog mich zurück um ihnen Raum zu geben. Papa hat sich sehr zusammen gerissen. Nach 10 Minuten war die Anstrengung zu groß geworden. Ich brachte Mam wieder in ihr Zimmer und als ich ins Wohnzimmer zurück kam, schlief Pa bereits.

Nach einer Weile wachte er auf und sagte mir, er wolle sich bedanken. „wofür“ fragte ich und er antwortete „ich will mich bedanken bei denen, die mich hergebracht haben“. Dann schlief er ganz ruhig. Als er aufwachte, etwa eine Stunde später, war er wieder sehr unruhig. Er schlägt nach dem Galgen, versucht sich hochzuziehen. Die Anzeichen…sie sind da…

Der weitere Abend war auch mal ruhig, mal nicht. Er wusste am Abend nicht wie er seine Medikamente nehmen soll. Er wusste aber DAS er sie nehmen muss/soll. Ich bin auf die Nacht gespannt. Ich bereite mich auf eine kurze Nacht vor..auf einen „halben Stunden“ Schlaf…so oder so, sie wird anstrengend werden.

Vorhin bekam er Sodbrennen und Halsschmerzen. Ich gab ihm Natron. Das kam postwendend wieder raus, mit einem riesen Schwall. Ich habe in sauber gemacht und umgezogen. Mein armer Papa…die Endphase ist so grausam, warum muss er so leiden…

Morgen ist meine Sis da…das wird was werden…hoffentlich stabilisiert er sich wieder ein bisschen…wenigstens fürs Wochende. 

2 Gedanken zu “Sprung in den Abgrund

  1. Du verfasst das im Herzen und im Text jedes mal so gut nachvollziehbar. Jeder Mensch der schon einmal jemand verloren hat, wird das bestätigen können.
    Dieses auf und ab-dieses ständige Hoffen und das sogar manchmal unmögliche ! Gedankengut „es wird schon wieder“ was nur einmal kurz aufblitzt zwischen dem Unvermögen das….alles wieder gut wird. Man macht mit ,man ist in einem anderen Modus. An vielen Tagen und daher.ist und bleibt alles erlebte…unvergessen. Diese Trauer ,die immer mal wieder bei der Hoffnung anklopft….bleibt zurück .Bald …..oder doch nicht bald. Ich denke an Dich,Pamela.

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