Dialog mit mir

Heute habe ich Geburtstag…meinen 40!

Heute Nacht um viertel vor Mitternacht dachte ich nach. Ich erinnerte mich, wie es vor 2 Jahren noch war. Baby und ich köpften um Mitternacht unseren Krim, Tradition. Letztes Jahr öffnete ich unseren Krim alleine…in diesem Jahr gar nichts. Ein paar Tränchen kullerten.

Papa hat schlimme Schmerzen in den Füßen. Durch das ständige Novalgin ist ihm dauernd schlecht und er muss brechen. Er bekommt Lyrica, aber so niedrig dosiert, helfen nicht wirklich. Dann gab ich ihm Paracetamol. Nach einer Stunde kamen die Schmerzen wieder und ich gab ihm wieder das Novalgin. Kurze Zeit später ist er eingeschlafen, es war inzwischen halb 2 in der Nacht. Mit einem offenen Auge legte ich mich auch hin.

Er isst seit ein paar Wochen immer weniger und nun mit der Übelkeit seit einer Woche gar nichts mehr, ausser vielleicht mal eine halbe Tasse Brühe, oder ein bis 2 Kekse. Das mit dem Essen wird eh weniger, das bringt der Krebs mit sich…aber jetzt mit der Übelkeit?, muss doch nicht sein…. Er hat lange geschlafen heute, bis halb 9. Er ist heute noch schwächer als sonst und schläft fast nur. Bis auf die Medis haben wir heute alles weggelassen. Kein Zähneputzen, kein Füße eincremen, kein gar nichts. Es ist wieder einer dieser Tage an denen ich mir denke, dass es nicht mehr lange dauert…kann aber auch von den ganzen reingenonnerten Schmerzmitteln sein. Das er noch zusätzlich sein Morphin hat, muss ich ja nicht extra erwähnen. Zumindest hatte er am Mittag ein Fresubin…dann wieder schlafen..am Abend war er recht wach und wir haben auch gelacht. Ein schönes Gefühl. Nach einiger Zeit ist er wieder eingeschlafen, nach seinem Abend Fresubin.

Als ich Mama ihr Frühstück brachte, gratulierte sie mir zum Geburtstag. In ihren Augen sah ich, wie traurig sie ist bzw. wie leid ich ihr tue, so einen Geburtstag haben zu müssen. Ich ging eine rauchen. Im Haus wird nicht geraucht, bin dann wie immer vor die Tür. Während ich rauchte dachte ich auch darüber nach wie scheisse alles ist. Bin ja kein Kind mehr, trotzdem fands ich traurig das ich „mein“ Geburtstagsessen nicht bekomme, nicht schön zusammen sitzen kann mit meiner Familie und was das alles doch für Geburtstag sein soll. Dann riss ich mich zusammen und besann mich. Es ist zwar mein Ehrentag, aber meine Eltern sind nun mal sterbenskrank. Das sollte kein Platz sein für so dämliche, egoistische Befindlichkeiten.

Über diese Gedanken hörte ich eine innere Stimme. Sie sagte:

Was jammerst du eigentlich rum?, Baby hätte dir in den Arsch getreten! Dir geht es doch gut. Du bist gesund, hast ein Dach über dem Kopf und Essen frei, zahlst keine Miete, kein nichts, bekommst alles Pflegeld. Auch wenn du heute Geburtstag hast, ist das ein Tag wie jeder andere auch…es gibt Dinge im Leben die sind wichtiger. Du klammerst dich nur wieder an vergangenes…es zählt das HEUTE und das MORGEN, gestern ist vorbei und unabänderlich. Das kommt nur vom selbstmitleidsgebade der Leute und du verlierst dich darin!

Diese Stimme hat so Recht. Selbstmitleid bringt einen nicht weiter, es blockiert nur. Mein Engel und ich hatten so wunderbar erleuchtende Gespräche über Selbstmitleid und Co. Ich erinnere mich daran, teils mit Wehmut, teils mit dem Schlag auf den Tisch. Er hatte Recht! Es ist einfach so…

Die Zigarette war dann fertig und ich ging wieder ins Wohnzimmer. Mein erster Blick ging natürlich zum Papa. Er schläft, atmet mehr oder weniger regelmäßig und er sieht so zerfallen aus…so krank, so blass. Der Anblick ist schrecklich. War bei meinem Engel auch so…Krebs ist so verdammt grausam…in jeglicher Hinsicht.

Zwischendurch am Tag und Abend riefen immer mal Freunde und Familie an um zu gratulieren. Immer dieses Mitleid in den Stimmen. Ich mags nicht, ich kannst nicht. Mein größter Lichtblick war Avni. Erst hat er meinen Geburtstag vergessen, dann entschuldigte er sich 1000 mal dafür. Ich sagte ihm immer wieder, es wäre nicht schlimm, es wäre doch egal…ein Tag wie jeder andere. Er lachte, sagte 40 ist eben nicht egal und baute mich etwas auf. Am Abend rief er nochmal und wir unterhielten uns noch etwas. Dann schickte er mir über WhatsApp eine Gute Nacht mit Kuss-Smileys…gar nicht seine Art, fand ich aber lieb.

So geht auch heute der Tag zu Ende, wie jeder andere auch. Ich bin dankbar für alles was ich habe, mehr brauche ich auch nicht. Weiß nicht woher mein Anflug von Motz kam…das war mein kleiner Wassermann in mir, mein kleiner EgoDämon….so bin ich nicht mehr…so ist das mit der Vergangenheit, manchmal taucht sie wieder auf.

2 Gedanken zu “Dialog mit mir

  1. Alles Gute Dir,liebe Vero,schön Deine Ensicht ,welche Dir kam im Dialog mit Dir selbst. Aber mal ehrlich das wusstest Du schon vorher. Du bist ein kluges Mädchen und sehr einfühlsam.Ich wünsch Dir was….und ich denk an Dich. Lieben Gruß Pamela.

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