Abspaltung meiner Selbst

Die letzten Wochen waren so ganz anders als bisher. In den ersten Monaten bin ich durchgedreht, wer mag es mir verübeln und habe viel Blödsinn gemacht. Nun habe ich einen Weg gefunden, mit dem ich erstmal klar komme. Die Rede ist von meinem „OffiziellenIch“ und meinem „InoffiziellenIch“. Das meiste das ich hier niederschrieb, war mein InOffizielles Ich. Geprägt von Abgründen, Leiden, Desolation…nun das hat sich auch nicht geändert, aber ich habe mich abgespalten. Die Welt dreht sich um einen herum weiter und mit der Zeit kümmert es immer weniger Leute…

Nur ein Mensch in meiner Umgebung sieht mich manchmal weinen, aber das ist ok für mich. Für alle anderen reiße ich mich zusammen, scheine wieder ICH zu sein – für sie. Ich lache, ich kämpfe und helfe, ich verteidige, ich verhalte mich auch mal arschig…ganz normal eben. Ich rede mit niemanden mehr über meine Situation, schaffe mir aber andere Situationen. Ich kümmere mich um meine Eltern, habe einen Kurzzeitjob und kümmere mich um meine eigenen Belange. Auch habe ich einige alte Ketten gesprengt und weiß auch um die Konsequenzen. Aber das ist mir egal..denn – Ich bin der wichtigste Mensch in MEINEM Leben!

Ich laufe nicht mehr wie ein Trauerklos durch die Welt. Wer es nicht weiß, bemerkt es nicht an mir. Es ist mein Päckchen…ich leide nach wie vor wie ein Hund, aber das geht niemanden mehr was an. Ich muss darauf klar kommen, ich muss meinen Weg finden..da kann mir niemand helfen…der, der es könnte ist nicht mehr da! Ich bin auf mich allein gestellt…Freunde? Joar…alles gut….aber sie sind alle nicht das, was ich eigentlich „brauche“. Das macht aber nichts…ich kenne meine Pappenheimer, auch wenn ich es mir anders gewünscht hätte…. aber es überrascht mich auch nicht.

Letzte Woche war ich krank. Es ging los mit Halsschmerzen, konnte kaum schlucken. Das ging 2 Tage so, danach hatte ich Nackenschmerzen. Am nächsten Tag hatte ich Schmerzen am ganzen Körper. Ich habe Rheuma und weiß was Schmerzen sind. Es hat sich aber nicht angefühlt wie Rheuma, es war anders. Es tat einfach nur alles weh…mein ganzer Körper. Die Kopfschmerzen waren dabei das schlimmste. Rheuma fühlt sich an wie extrem starker Muskelkater, oder wie eine heftige Sehnenscheidenentzündung. Kenne ich ja wie gesagt, aber diesmal hat mein ganzer Körper nur gebrannt…das trifft es am ehesten. Ganz komisch, kenne ich nicht… Wenn jemand da war, habe ich versucht mich zusammenzureißen. Klappte mal mehr, mal weniger gut. Aber ich habe es jedesmal heruntergespielt. Was geht es irgendjemand an…so bin ich eigentlich. Ich helfe gerne, bin sehr emphatisch, höre mir stundenlang die „Probleme“ der anderen an..aber was mich selbst angeht – NO – das hat niemanden zu interessieren…und tut es auch nicht…so sind die Menschen eben…komme ich klar drauf, ist ja nichts neues..nur das ich nun alleine mich damit auseinandersetzen muss…Baby du fehlst mir…ich weiß nicht ob ich es schaffe..ich weiß auch nicht, ob ich es schaffen will…

Am Geburtstag meiner Schwester, am 27.08. fängt mein Führerschein an. Geht 14 Tage und wenn alles gut läuft, habe ich am dann meine praktische Prüfung. Dann fange ich richtig an mein Leben umzugestalten. Da wird einiges altes rausfliegen, alles was ins Kapitel der Vergangenheit gehört. Alles das, was mir keinen Vorteil für meine Zukunft bringt.

Hier werde ich sicherlich noch einige Male rumheulen. Es ist mein erstes Trauerjahr…offiziell habe ich es gut weg gesteckt…sollen die das auch ruhig denken, es hinterfragt ja auch niemand…das ist gut so….so kann man/ich am besten feststellen, für wen man echt wichtig ist, und wer nur ein Energievampir ist. Es ist vielleicht hart ausgedrückt, aber warum soll ich mich mit was begnügen was nicht in meinem Sinne ist und mich nur runterzieht, mich aber nicht weiterbringt?

Mein offizielles Ich ist härter geworden, kälter…vielleicht noch stärker, als ich es ohnehin schon immer war. Ich war immer schon ein Einzelkämpfer..mein Mann hat mir gezeigt – kein Mensch ist eine Insel – ich konnte „damals“ sowie heute aber nur festestellen, das dem doch so ist..die letzten 20 Jahre in meinem doch noch jungen Leben, haben mir gezeigt das es wirklich nicht so sein muss…aber so Exemplare wie meinen Engel gibt es nicht sehr häufig..ich kenne keinen anderen..im Ernst…nun bin ich alleine..das war ich von Anfang an. Es ist ok so…

Jeder Mensch hat Krisen im Leben durch die er/sie durchmuss. Das durchkommen ist nicht das Problem. Es ist  – daraus lernen, was daraus mitzunehmen,und nicht aufzugeben…den Schmerz ertragen lernen und trotzdem sein Lachen nicht zu verlieren!

 

6 verdammte Monate

Heute ist der 10. Juli. Es ist ein Sonntag. Es ist heute auf den Tag genau 6 Monate her, das du gegangen bist…am 10.Januar..Sonntag…

Ich weiß gar nicht wie ich es bis hierhin, bis heute, geschafft habe. Für mich steht die Welt immer noch still, dreht sich kaum spürbar weiter. Die Welt um mich herum dreht sich weiter und mit ihr, ich mich auch ein bisschen. Geht ja gar nicht anders.

Mein anderes Leben ergreift immer mehr Besitz von mir. Es bleibt mir schließlich keine Wahl. Das Leben passiert einfach. Das Leben um einem herum.

Ein Verlust wäre weit weniger schmerzlich, wenn es keine Erinnerung gäbe. Es würde jemand fehlen, aber dieser jemand würde einfach ersetzt werden, sodaß alles seinen gewohnten Gang weiter ginge…

Ich befinde mich in einem, diesem, Leben ohne dich. Ich führe ein halbes Leben und doch ist es ein ganzes..irgendwie…

Ich konnte dich nicht retten. Das vermochte niemand. Es war auch nicht so vorgesehen. Egal was wir taten, nichts half. Selbst unsere göttliche Liebe hat nichts ausgerichtet, oder verändert. Es musste so sein und es ist gekommen, wie es kommen musste. Es war geschehen, es ist geschehen und es wird geschehen. Das Schicksal lässt sich nicht ändern, auch wenn einige anderer Meinung sind. Es lässt sich nicht ändern! Es lässt sich beugen und etwas formen, aber das was passieren soll, wird passieren! Es gibt kein Entrinnen.

Ich fasse es immer noch nicht. Ich habe dich sterben sehen, war bei dir als du gegangen bist. Ich denke nicht, dass du gleich zur Tür reinkommst, oder ähnliches. So ist es nicht, ich habe ja gesehen! Aber mein Verstand verweigert nach wie vor die Realität. Ich weiß das du Tod bist…aber mein Verstand lässt es nicht zu die Realität zu akzeptieren. Würde mein Verstand es zulassen, würde ich auf der Stelle Tod umfallen, glaube ich…

Es ist die bisher größte Herausforderung in meinem Leben und ich habe schon echt heftige, verstörende und zerstörende Dinge erlebt. Aber das was ich jetzt durchmache, ist mit nichts zu vergleichen…nicht mal mit den anderen verstorbenen Menschen, die mir sehr am Herzen lagen…nicht mal bei Bienschen….bei ihm trauerte ich ca. 4 Jahre…

Seit einigen Wochen drängt es mich ein Bild zu malen. Ich habe seit Jahren keinen Pinsel mehr in die Hand genommen, es gab auch nichts zu „bannen“. Ich habe aber Angst davor ein Bild zu malen…wenn ich etwas zur Leinwand bringe, etwas banne, dann ist es auch weg. Ich habe Angst was mein Unterbewusstsein zu Tage fördern wird, was es zu bannen gibt. Auf der anderen Seite weiß ich aber auch ganz genau, dass mir das helfen wird. Es war immer so…sobald etwas in einem meiner Bilder gefangen war, löste sich dieses schlechte und dunkle auf. Man könnte auch ganz banal „Maltherapie“ dazu sagen..für mich ist es mehr…für uns war es immer mehr. Mit unseren Bildern haben wir auch Kontakt zu unseren „Wesen“ aufgenommen…ich habe Angst das Bild zu malen das in mir brodelt und raus will. Wenn ich aber beginne, weiß ich auch, wie heftig das werden wird…ich bin nicht bereit dazu…

Etwa eine Woche vorher, hast du zu mir gesagt – ich wäre jetzt frei. Ich habe das schonmal in einem Beitrag angesprochen, weil ich nicht verstanden habe, was du damit meintest. Ich habe mich mit dir niemals gefangen gefühlt. Im Gegenteil! Mit dir war ich frei, so unendlich frei. Nun fühle ich mich gefangen. Gefangen in einer Welt, in einer Zeit, ohne dich!

Zu unserem Hochzeitstag habe ich 12 Rosen gekauft. 11 rote für jedes Jahr unserer Ehe und eine weiße, für das 12. Jahr…als die Rosen anfingen zu verblühen, fand ich es zu banal sie einfach weg zu schmeissen. Ich habe die Essenz aus diesen Rosen gezogen. Das Rosenwasser bringe ich zu dir auf den Friedhof und gieße das Rosenwasser über dein Grab aus. So sickert die Energie in diesen Platz, auch wenn sich dort nur deine sterbliche Hülle verbirgt.

Hochzeitstag auf dem Friedhof

Freitag wollte ich meine Ruhe haben, um letztmalig unsere Tradition durchzuführen. Ich wusste, wenn Geisenheimer und BF da sein würden, hätte es nicht geklappt. Tagsüber war alles soweit gut. Alltag halt und ich selbst konnte mich gut ablenken. Bis zum Abend, da spürte ich schon wie der Knoten mir wieder meine Luft abschnürte.

Ich weinte wieder viel…klar…und um Mitternacht öffnete ich den Krim und trank je ein Glas. Aus deinem Glas und aus meinem Glas. Es standen 2 Gläser auf dem Tisch, doch der Platz neben mir war leer.

Ich trinke das erste und letzte Mal in diesem Jahr mit dir. Das erste Mal, weil es das erste mal ohne dich ist und auch das letzte Mal, weil es ohne dich ist.

Danach ging ich ins Bett und weinte mich in den Schlaf. Am nächsten Tag, Samstag, war ich wie taub. Ich fühlte gar nichts. Ich machte meine Runde wie jeden Samstag. Lotto spielen, einkaufen gehen und ich habe Rosen gekauft. 11 rote Rosen für jedes Jahr unserer gemeinsamen Ehe und eine weiße Rose, für das 12. Jahr. Ich verstaute alles und machte mich los zum Friedhof.

Dort angekommen rupfte ich erstmal Unkraut. Ich pflanzte einen Strauch mit gelben Blüten und gestalte das Grab etwas um. Nachdem ich damit fertig war, setzte ich mich auf die Bank, die unweit von dem Grab steht. Ich rauchte eine und sprach mit meinem Schatz. Ich erklärte ihm, das dieser Tag schlimmer ist, als es unsere Geburtstage waren. Ich redete und redete über alles mögliche. Ich weinte nicht eine Träne an seinem Grab, war aber länger als sonst bei ihm oben.

Ich hatte etwas von dem Krim mit genommen und trank einen Schluck. Den Rest habe ich ihm über sein Grab gegossen. Ich verabschiedete mich und ging wieder nach Hause.

Es war bereits Mittag und es kamen Leute zu besuch. Uli kam vorbei und wir besprachen das weitere Vorgehen bzgl. der Steuersachen, welche ich für sie erledige. Kurze Zeit später kam auch Vorderhauszote vorbei. Er war der einzige, der die Rosen bemerkt hatte. Alle anderen haben sie nicht gesehen…ist nicht schlimm für mich, aber doch bemerkenswert wie die Menschen mit Scheuklappen durch die Gegend rennen und sich „Freunde“ schimpfen.

Am Abend kamen dann Geisenheimer und BF vorbei, es war ja auch schließlich Fussballabend – Deutschland gegen Italien! War ein lustiger und sehr spannender Abend. BF ist nicht über Nacht geblieben, gab auch bisschen Knatsch mit Geisenheimer. Ich war froh darüber. Nicht über den Knatsch, aber das ich nach dem Fussball wieder alleine war.

Dieser, unser 12. Hochzeitstag, war komisch und schwer. Wir haben immer etwas gemacht an diesem Tag. Wir waren bei Körperwelten, auf der DoKumenta in Kassel, haben alle Freizeitparks durch usw. …dieser, der 12. Hochzeitstag, war nun einfach nur leer. Alltag, nichts besonderes mehr..

Ich habe akzeptiert, dass du gehen musstest. Ich akzeptiere nicht, dass du gegangen bist!

Ich habe die Tage einen Spruch von dir gefunden, den du immer wieder mal gerne gesagt hattest, wenn etwas schreckliches passiert war.

„In jeder Widrigkeit des Schicksals steckt ein gleich großer, oder ein noch größerer Keim eines Vorteils“

Seitdem denke ich darüber nach. Was soll das für ein Vorteil sein? Ich sehe keinen. Wie kann ich aber auch einen Vorteil jetzt darin sehen? Das wird etwas sein, das sich mir selbst in einigen Jahren erst erschließen wird…

Bis dann

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