Beruf kommt von Berufung

Heute Nacht war wie die letzten Tage…Schatz wollte nicht schlafen und hat mich auch immer wieder wach gemacht. Jegliches Verhandeln ist im Sande verlaufen…heute morgen um halb 6 war die Nacht vorbei…

Einmal schon um 3 Uhr, Schatz hatte sich nass gemacht und ich machte ihn sauber..danach erklärte ich ihm, wenn ich nicht schlafe, werde ich  krank und dann kann ich dir (ihm) nicht mehr helfen..2 Stunden hat er mich dann schlafen lassen. Dann das übliche Programm. Schatz kümmern, Böden wischen, Küche aufräumen, schnell den täglichen Bedarf beim Tante Emma Laden holen…

Die Nacht hat Schatz oft geweint. Ich konnte es kaum ertragen. Er flehte immer wieder, ich solle ihm doch helfen – mein Versprechen einlösen. Er muss weg, er kann nicht mehr…Das Versprechen hatten wir schon vor einigen Monaten besprochen. Er will nicht dahin siechen..Sterbehilfe…ist ja in D verboten, aber es gibt Mittel und Möglichkeiten – trotzdem.

Kaum wurde es wieder hell, wurde Schatz ruhiger. Gegen 11 Uhr kam der Herr M. und ich sprach mit ihm über die Nächte. Schatz will nicht schlafen in der Nacht, er hat Angst, er weint und ist auch sonst sehr aufgeregt. Ich sprach auch unser Versprechen an. Ich sage mal so…hätte ich eine Willenserklärung, wäre der Weg machbar gewesen. Eine Vollmacht reicht nicht aus. Eine Willenserklärung von Schatz haben wir nicht..ich muss sagen, selbst wenn wir eine hätten..ich brächte es nicht übers Herz..oder doch? Ich bin froh, daß dies nicht machbar ist..auch wenn ich es versprochen hatte, er es will..es ist trotzdem noch ein ganz anderer Schritt es zu tun…

Naja wie auch immer – Schatz hat andere Medikamente bekommen. Haldol..ich bin gespannt, ob ihn das besser beruhigt als Tavor, was ich als Schlafmittel zusätzlich geben könnte..

Er ist heute am Tag zudem wacher als sonst…zwar nicht in dieser Welt, fern ab von der Realität, aber wacher…er lacht viel und ist vergnügt. Aggressionen hat er auch, aber nicht so lange anhaltend – und nicht so oft heute am Tag..

Gegen 13 Uhr kam Bruder vorbei und ich erzählte ihm was so passiert ist. Kurze Zeit später kamen eine enge Freundin von mir (gemeinsame Freundin von uns) und ihr Freund vorbei. Freundin kam rein, sah ihm Flur schon das Pflegebett und flüchtete in die Küche mit Tränen in den Augen. Das hatte sie so nicht erwartet sagte sie. Sie drückte mich endlos lange. Ich erklärte und erzählte ihr alles…Schatz freute sich sehr sie zu sehen und auch Freund. Die Stimmung war gelassen und entspannt. Schatz lachte viel und wir mit ihm. Gegen 15 Uhr gingen alle und Schatz konnte sich etwas erholen. Gegen 16 Uhr kam seine Schwester. Wenn sie da ist, redet er viel von der Vergangenheit..wirr, aber zwischen den Zeilen erkennt man, was er mitteilen möchte.

Ich weiß nicht..er reagiert heute auch mehr auf Dinge…wenn ich ihn was frage, oder ihm einen Kuss zu werfe, oder niese..da reagiert er ganz normal. Wirft einen Kuss zurück, sagt Hatschi usw…es ist seltsam…er schaut heute auch ganz anders…wenn er nichts sagt, sieht er aus wie früher..wenn er redet, ist er total wirr…ich hoffe das liegt am Kortison und ist nicht so eine Art „letztes Aufbäumen“…

Der Abend läuft bisher auch ganz entspannt..alles gut…er sagte heute schon mehrmals, das er weiß, das ich ihn nicht alleine lasse..das ich bei ihm bin. Zwar im verwirrten Gerede, aber er zeigt auf mich und sagt das. Er weiß es. Er schaut mich heute wieder so liebevoll an und fordert ständig einen Kuss, den ich ihm natürlich nicht verweigere…1000 Küsse am Tag und noch viel mehr will ich ihm geben…

Als Herr M. heute ging sagte er mir, ob ich nicht interesse hätte – nicht so bald natürlich – Schulungen zu machen für Angehörige, oder gar in den Palliativ Care mit einzusteigen. Er erlebte live wie ich mit den Aggressionen von Schatz umging. Er ist sowieso begeistert, wie ich das alles mache und meistere. Auch wenn ich ihm erzähle wie die ein, oder andere Situation abgelaufen ist und wie ich reagiert habe, spricht er Bewunderung aus. Es ist ungewöhnlich, als total ungelernte, diese gewissen Situationen zu bestehen und auch überhaupt, so geduldig zu sein und dieses Gespür einfach zu haben – sagte er.

Ich höre immer wieder, wie stark ich bin, wie liebevoll ich mit Schatz umgehe – auch wenn er ungehalten ist – und wie ich bewundert werde dafür…für alles was ich mache, für ihn..heute kam mir der Gedanke, daß ich wohl doch etwas „großes“ leiste…auch wenn es mir nicht so vorkommt…Beruf kommt von Berufung und vielleicht treibt mich mein Weg – durch meinen Engel – in diese Richtung…aber wer weiß..vielleicht bin ich auch nur „so“ eben weil es um meinen Schatz geht…aber irgendwie fühle ich, daß ich mir das gut für mich vorstellen könnte..Menschen auf ihrem letzen Weg begleiten…

Bis dann

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