Risperdal, Krankenhaus

Die Nächte sind wieder schwierig. Er schläft halt schlecht und wenn, nicht lange…Ich habe ihm gegen halb 5 Uhr (vorgestern) dann eine Risperdal gegeben. Er hat sich auch relativ ohne Diskussion genommen, nachdem ich ihm erklärt habe für was das ist. Eine dreiviertel Stunde später ist er wieder, wegen nichts, total ausgeflippt und ich dachte, mir – oh Scheisse, wirkt nicht..aber schon kurze Zeit später war alles deutlich entspannter. Er war entspannter und hat sich nicht schnell über alles aufgeregt, war wieder etwas gelassener. Der Abend ist dann ruhig verlaufen, mit schönen Momenten.

Es ist teilweise auch das Gegenteil eingetreten…er sprach darüber, daß er spürt, daß er stirbt. Wenn nicht heute, dann morgen, oder übermorgen. Er muss weg…

Vor der Risperdal hat er mich angeschrien, wenn er was nicht wusste…also er schrie mich an – er weiß nicht wie man trinkt, aber richtig heftigeben…es ist die Hilflosigkeit die aus ihm heraus schreit. Ich sagte ihm dann, daß er das Glas in die Hand nimmt, an dem Mund bringt und solange das Glas hebt, bis er was nasses am Mund spürt. Dann schlucken. Das klappt dann immer auf Anhieb. Auch mit den Tabletten. Er weiß nicht wie man die nimmt…ich erkläre ihm dann, er nimmt die Tablette in den Mund, nicht kauen, sonder was trinken und die Tablette runterschlucken. Klappt wie gesagt auf Anhieb, aber ohne das ich es ihm sage, geht es nicht…

Die darauf folgende Nacht war schlimm. Er konnte nicht schlafen und hat schlecht Luft bekommen. Am Morgen ging es dann wieder…erstmal….am Mittag  bekam er wieder schlecht Luft und wollte eine Tablette nach der anderen. Ich gab ihm erst die Tabletten, die er sowieso bekommen hätte. Die helfen aber nicht für´s bessere Atmen..er verlangte ständig eine Tablette und ich konnte ihm keine geben…sagte ich ihm auch. Dann sprach ich den unausprechlichen Fluch aus. Ich sagte: Soll ich einen Rettungswagen rufen, dann fahren wir in die Klinik und da können dir was geben. Er sah mich an – ich weiß nicht wie….ich sprach weiter: Wenn die dir dann geholfen haben, fahren die dich wieder nach Hause..

Es war gegen 13 Uhr und erst war er einverstanden, dann meinte er, es ginge auch so. Er schlief erst wieder kurz ein..als er wieder aufwachte, sagte er mir mit einer Stimme die ich nie vergessen werde: Rette mich

Kurz vor 14 Uhr habe ich dann einen Rettungswagen gerufen. Er ist auf einmal zusammengebrochen. Er streckte den Arm nach mir aus und ich legte mich an ihn ran. Er weinte und sagte: Dann sterbe ich nun doch unter fremden Menschen. Ich drückte ihn und sagte mit ersticker Stimme: Ich bin bei dir!

Dann sagte er: Ich hoffe das wir noch ein paar Tage haben…mich hat es zerrissen, als er das sagte..wie er es sagte…ich soll ihn nicht alleine lassen, ich muss bitte immer an seiner Seite sein. Ich drückte ihn noch fester und verprach ihm, daß ich natürlich bei ihm bin.

Im Krankhaus angekommen, ging er natürlich erstmal in die Notaufnahme. Da durfte ich nicht mit rein. Nach ca. einer Stunde wurde ich ausgerufen, daß ich zu meinem Mann darf. Blutdruck war völlig normal, seine Sauerstoffsättigung war bei 100 % und die Ärztin sagte noch, daß sein Blut gar nicht schlecht aussieht. Sie würden ihn die Nacht da behalten wollen. Erst sollte aber noch ein Röntgen von der Lunge und ein MRT vom Kopf gemacht werden. Schatz wollte wieder nach Hause…ich konnte ihn beruhigen und sagte ihm, daß die Untersuchungen wichtig sind, sonst muss ich in 3 Tagen wieder den Notarzt rufen. Er willigte ein..

Als er zum MRT gebracht wurde, bin ich schnell los und habe ihm eine Pizza geholt. Er hatte Mordshunger und den ganzen Tag nichts mehr gegessen..inzwischen war es auch schon 19 Uhr durch…

Er wollte nach Hause..ich überredete ihn aber, die Nacht da zu bleiben, sicher ist sicher..morgen gehen wir nach Hause – verprach ich ihm. Gegen halb 9 Uhr konnte er dann auf Station. Ich fragte ihn, ob er Angst hat..er verneinte, aber ich konnte an seinen Augen sehen, daß er schon Angst hat. Angst alleine zu sein unter Fremden und ich bin nicht da…ich blieb noch bis halb 10 Uhr und bin dann schweren Herzens los..musste ich ihn doch alleine lassen..in einer fremden Umgebung, in seinem (verwirrten) Zustand. Ich küsste ihn und sagte, daß ich ihn liebe. Er flüstere leise: Ich bin Stolz dein Mann zu sein..ich liebe dich. Ich sagte ihm nochmal, daß ich ihn liebe und sah, daß er Tränen in den Augen hatte. Es hat mir so weh getan.

In der Nacht konnte ich nicht schlafen. Ich bin zu unseren üblichen Zeiten aufgewacht und auch sonst habe ich schlecht geschlafen. Es hatte angefangen zu schneien..es bringt so eine melancholische Ruhe…

Heute morgen bin ich zeitig los, denn ich muss ja bei der Visite dabei sein. Als ich gegen halb 9 Uhr im Bus saß, schon kurz vor der Klinik, klingelte mein Handy. Es war die Ärztin dran und fragte, ob ich schnell kommen könnte. Ich sagte, daß ich in ca. 10 Minuten da sein würde und fragte was denn los sei. Sie sagte mir, er wäre sehr verwirrt und er randaliert. Schmeisst Gläser durch die Gegend und schreit rum. Nur seine Frau könne ihn beruhigen – hoffte die Ärztin…

In der Klinik angekommen bin ich schnell hoch auf seine Station und habe das Schlimmste befürchtet. Als ich ins Zimmer kam, lag er ganz ruhig im Bett. Es schien mir, als hätten sie ihn ruhig gestellt. Haben sie wahrscheinlich auch..ich begrüßte ihn, gab ihm einen Kuss und sagte, daß ich nun da bin. Ich fragte ihn, ob die ihm was gegeben hätten. Er sagte: Ja..weiß ich nicht…später sagte er, sie hätten ihm nichts gegeben…aber wie gesagt, mir schien es so…

Dann wurde er wieder etwas aufgeregt, er will jetzt nach Hause. Ich sagte ihm, daß wir auch nach Hause fahren heute…ich ging vor an den Schwesternthresen und fragte wegen einem Krankentransport. Die Schwester sagte mir, erst müsse die Visite durch, denn das muss mit dem Arzt abgeklärt werden. Die Visite sollte um halb 10 Uhr losgehen und es war vertel nach 9 Uhr..ich versuchte Schatz die ganze Zeit zu beruhigen und das wir ja bald fahren…es dauert eben eine Weile bis das Auto da wäre..er beruhigte sich mit der Zeit. Ich war ja da und versprach es ihm.

Gegen halb 11 Uhr kam dann die Ärztin und sie sagte halt das übliche. Normalerweise würde jetzt die Maschinerie anspringen, Behandlung usw. Da er aber palliative Behandlungen ablehnt, respektiere sie den Wunsch. Nur hat die Medikamente wären halt schon wichtig..kein Problem sagte ich. Sie sprach auch sein Verhalten an und wie es zu Hause so ist..wegen der Pflege usw. Ich sagte ihr, daß niemand an ihn ran darf ausser mir..sie nickte und meinte, ja das hätten hier alle gemerkt. Er hat auch seine MorgenTabletten verweigert. Ich muss sie ihm geben, selbst dann diskutiert er ja noch, aber er nimmt sie…ich habe dann einen Zettel unterschrieben, daß er gehen darf. Er muss den eigentlich unterschreiben, aber das kann er nicht…und ich habe ja die Vollmacht. Die Ärztin bestellte dann einen Transport und sagte, es dauere etwa 1 Stunde..Schatz war kurz vor dem ausflippen. Ich konnte ihn beruhigen. Die erste halbe Stunde Wartezeit war er sehr knatschig und ich versuchte alles…dann wurde er ruhiger und wir haben gelästert,Witze gemacht und uns aus zu Hause gefreut. Nach 2 Stunden kam dann endlich der Transport. Irgendwie gingen die auch relativ schnell rum…zum Glück.

Als wir zu Hause ankamen, die Pfleger haben ihn bis auf die Couch gebracht, er kann ja nicht laufen – habe ich erstmal eine Pizza gemacht, einen Kakao und einen anständigen Kaffee. Schatz war zufrieden und ganz ruhig. Er redete viel Stuss…die Verwirrtheit eben, war aber vergnügt und guter Dinge…Nach der Pizza ist er eingeschlafen und freute sich jedesmal, wenn er die Augen aufmachte, daß ich da bin.

Ich bin mal auf den Arztbrief gespannt, vor allem auf das Blutbild…das sein Verhalten von der wachsenden Metastase kommt, war klar…dazu brauche ich keinen Arzt, oder ein MRT…

Bis dann

2 Gedanken zu “Risperdal, Krankenhaus

  1. ach Veronika bei meinem letzten Kommentar war ich auch so traurig das ich das wichtigste vergessen habe—diese Risperdal muss erst mal andocken im Neuronengewirr(es ist ein Neuroleptika)–das dauert paar Tage bis eine Woche.Aber Du hast ein gutes Merkmal nämlich wenn der Hunger größer wird also sich der Appetit steigert.Ich hätt auch so gehandelt mit Krankenwagen bestellen–und ich denk an Dich.Pamela.

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