Ruhe vor dem Sturm

Die Nacht war wieder ok. Schatz schläft fast durch und ich kann auch soweit gut schlafen. Sein Atem ist ruhig, ohne rasseln, oder sonstige Atemgeräuschen. Er hustet wenig, auch der Blutauswurf hält sich in Grenzen. Es ist mal mehr, mal weniger. Er schläft viel.

Sein Lungenkrebs wird ihn nicht umbringen…seine Metastasen werden schneller sein. Er ist schnell gereizt, beruhigt sich aber auch schnell wieder…noch…er hat nach wie vor Lücken in der Erinnerung. Dinge die kürzlich passiert sind, hat er vergessen. Neuerdings sagt er immer, es würde etwas nicht stimmen, aber er käme da schon dahinter. Heute morgen war er skeptisch mit seinen Tabletten. Ich sagte ihm, diese Tabletten nimmt er schon seit ein paar Jahren jeden morgen. Ich muss jeden morgen und jeden Abend jede Tablette mehrfach benennen  – also für/gegen die sind. Blutdruck, Epilepsie usw…er denkt ich würde ich verarschen. Ich fragte ihn, warum ich das tun sollte und er antwortet nur, daß er das eben nicht wüsste…ich verarsche dich dich nicht, im Gegenteil..ich will das es dir gut geht – sage ich dann jedesmal…irgendetwas stimmt hier nicht..mehrmals am Tag kommt diese Aussage.

Er spürt das sich was verändert in seinem Gehirn. Davon gehe ich aus. Ich frage mich aber, merkt jemand, der eine Wesensveränderung durchmacht, DASS er diese durchmacht? Merkt der Betroffene selbst das er sich verändert?, oder Gedächtnislücken hat? Wenn ich ihn frage, verneint er..es würde nicht stimmen..ich würde lügen…ist das aber bei jedem so?

Heute waren wir wieder Haare waschen. Das 2. mal in dieser Woche. Rasieren kann er sich selbst. Haare wasche ich am Waschbecken. Auch die Körperpflege mache ich..Katzenwäsche…wieder zurück im Wohnzimmer ist Schatz gleich eingeschlafen. Obwohl ich ihn fahre ist er sehr schnell sehr erschöpft.

Ich habe vorhin einen Arzttermin von mir abgsagen müssen..ich kann ihn nicht lange alleine lassen. Nicht weil er im Moment zu „Dummheiten“ neigt, eher weil er nicht laufen kann, sein linker Arm auch nicht gehorcht – wie soll er pinklen ohne meine Hilfe…morgen muss ich Rezept holen beim Hausarzt, muss auf die Bank und etwas einkaufen…da bin ich eine Stunde, eher länger bestimmt unterwegs…ich gehe erst, wenn er uriniert hat, dann mache ich mich schnell los…er muss nicht alle halbe Stunde. Aber was weiß ich, auf welche Ideen er kommt, eben weil ich nicht da bin…innerhalb der Wohnung ist es kein Problem…wenn was ist, kann er mich rufen. Aber wenn ich unterwegs bin nicht. Auch das Handy kann er nicht bedienen..zumindest weiß er im Moment welchen Wochentag wir haben…

Das wird alles nicht so lange anhalten..man kann vielleicht die Kortisondosis weiter erhöhen, aber selbst wenn – irgendwann hilft das auch nicht mehr…dann wirds wieder richtig schwer..seine heftigen Aggressionen kehren zurück, seine Lücken, seine Hilfosigkeit…ich bete jeden Tag…ich bete daß er gesund wird…

Schwierig ist es, alles vor unseren Freunden, die wir fast jeden Tag sehen, zu verbergen. Sie fragen mich ständig was mit meinem Schatz ist. Er sähe mitgenommen aus, ist alles in Ordnung, was ist mit ihm. Ich sage ihnen, er hatte erst wieder die Grippe..das ging eine Zeit lang, aber das kann ich nicht wochenlang sagen. Er will einfach nicht das es jemand weiß. Aber wenn er sich doch so verändert, von seinem Wesen her, wie lange kann das noch gut gehen? Ich meine – irgendwo will ich auch nicht das es jemand weiß. Ich habe keine Lust auf die übertriebene Mitleidswelle und gut gemeinte Fürsorge, die dann über uns hereinbricht. Aber es wäre manches einfacher im Alltag…

Bis dann

2 Gedanken zu “Ruhe vor dem Sturm

  1. Veronika,das ist so anstrengend -das berührt mich sehr und zur Zeit kannst Du Dir ein Sorgloses Leben nicht vorstellen das geht jetzt garnicht.Aber es kommen wieder andere Zeiten. Ich vermag kein Trost zu geben.sorry dafür.Wollte noch sagen das Du den Freunden und Bekannten so nach und nach mal was sagst. Denn auch das nagt an Dir und belastet Dich.Ach ,das ist alles sehr traurig.Und wenn man ihm wenigstens in seine Gedanken schauen könnte dann käme manche Überraschung ganz anders.Aber so weißt Du ja garnicht wo es lang geht.—Ich denk an Dich.Pamela.

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  2. Danke dir Pam, deine Worte haben doch etwas tröstendes…..verstehst du aber, das ich mir „bessere“ Zeiten ohne meinen Mann nicht vorstellen kann? Das Leben wird weiter gehen…das ist klar…ich denke, besser wird es nicht werden..aber anders…andere Zeiten eben…ein anderes Leben…
    Gruß Veronika

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