Flucht – dann doch nicht

Heute morgen gegen 9 Uhr habe ich mit meinem Schatz telefoniert. Er klang gut und freute sich mich später zu sehen. Gegen 11 Uhr war ich dann im Zimmer und er hatte übelste Laune. Was war denn in den 2 Stunden passiert?

Er war super genervt und meinte, er gehe jetzt. Wie du gehst jetzt, sagte ich und er stand auf und zog sich seine Jeans an. Zuvor sollte ich ihn noch von den Strümpfen befreien – diese weißen ThromboseStrümpfe die man immer bekommt. Ich zog sie ihm aus und er zog sich seine normalen Socken an, dann eben seine Jeans.
Ich gehe jetzt – ich packe jetzt meine Sachen und hau einfach ab! Was ist denn los, meinte ich und Schatz sagte, er hätte die Schnauze voll. Er wolle nicht länger hier sein und schon gar nicht übers Wochenende.

Man bekäme keine Informationen, kein Arzt ließe sich blicken und er schimpfte vor sich hin.
Ich sagte zu ihm, daß wenn er einen Arzt sprechen wolle, dann müsse er einen antanzen lassen. Die kommen nicht von alleine, was ist denn mit der Visite.
Die war heute nicht hier – meckerte er und räumte dabei seine Schublade aus und ich war den Tränen nahe.

Ich stand kurz vor der Überforderung und sagte, ich gehe jetzt zu einer Schwester vorne an die Theke. Ich würde jetzt Dr. NAME (blonde Ärztin) verlangen damit du mit ihr reden kannst.

Schatz war dermaßen angefressen und ich bemerkte noch, daß er nicht so einfach gehen kann. Er kann zwar auf „Eigenverlangen“ nach Hause, aber er könne nicht einfach so gehen! Das hat versicherungstechnische Gründe…nicht nur für das KH, auch für ihn hätte das böse Konsequenzen. Ich will ihn ja auch mit nach Hause nehmen, aber doch nicht so! Ich weiß doch wie schwer das ist und ich weiß auch wie nervend das ist, vorallem übers Wochenende…

Er ließ sich darauf ein und ich ging zur Theke. Blonde Ärztin wäre erst am Montag wieder da. Ich fragte, wer denn dann der Stationsarzt für das Wochenende ist, und die Schwester sagte Dr. NAME…ok gut, kenne ich nicht. Ich sagte der Schwester, sie solle doch bitte Dr. NAME dann ins Zimmer X schicken, wenn sie sie erwischen würde.
Die ist grade auf Visite, das könne dauern. Toll – dachte ich mir und ging wieder mit dieser Nachricht ins Zimmer.

Schatz, immer noch angefressen und maulend, legte sich aufs Bett und schaltete stur. Ich lehnte mich an den Türrahmen und wartete auf die Stationsärztin.

Nach ca. 45 nervenaufreibenden Minuten raste sie an mir vorbei. Ich stoppte sie höflich und fragte, ob sie ein paar Minuten Zeit hätte, mein Mann hat ein paar Fragen. Sie schaute auf ihren Plan und kam mit ins Zimmer.

Sie sagte vorneweg, daß sie eigentlich hier von den Patienten nur sehr wenig Ahnung hat, sie wäre eine Vertretung. Aber vielleicht könne sie ja trotzdem helfen – welche Fragen haben sie denn?, fragte sie.

Schatz fragte, warum er denn nicht übers Wochenende nach Hause dürfe, es läge ja nichts an und ihm ginge es soweit gut. Die Ärztin (ein ganz junges Ding) fragte, wann denn die OP war..die war am Dienstag, sagte Schatz und die Ärztin erklärte ihm, daß es zu früh sei – wegen der Narbe unter anderem.

Ich sagte, man könne auch den Verband wechseln, der würde nur so da hängen und ob das mit den Haaren so gut wäre. Sie entfernte den Verband und freute sich wie gut die Naht ausieht.
Sie ging kurz raus um einen neuen Verband zu holen und ich schaute mir die Naht auch an. Sieht wirklich super aus. Kein Vergleich zu Bienschen, der sah aus wie ein Rollbraten!
Ich sagte Schatz, daß die Naht sehr schön ist, und flach und gar nicht wie bei Bienschen.

Die Ärztin kam wieder und Schatz meinte, es wäre wohl eine finanzielle Sache, daß er nicht raus dürfe. Sie stutze kurz und erklärte, daß dem nicht so sei.

Ginge es ums Geldverdienen, hätten sie ihn bereits nach der ThoraxOP entlassen und ihn dann wieder kommen lassen, wegen den Hirnmetastasen.

Solange ein Patient im Krankenhaus ist, verdienen sie nichts – solange kostet ein Patient. Erst wenn der Patient entlassen würde, könnte man Abrechnen und dann erst würde Geld fließen. Sie lachte und sagte, daß wäre nicht der Grund das er da bleiben müsse.
Sie äusserte Verständnis für seine Lage.

Sie sagte zudem noch – morgen wäre der eigentliche Stationsarzt im Haus und er wüsste auch besser bescheid über die Patienten hier auf der Station. Schatz solle morgen diesen Arzt nochmal ansprechen und vielleicht dürfe er dann für Sonntag nach Hause.

Schatz war ruhiger geworden und wir bedankten uns erstmal.

Als die Ärztin weg war, redeten wir darüber und im Verlauf des Gesrpächs habe ich raus gehört, daß er Angst hat.
Angst vor Montag – vor der Bestrahlung. Es gibt am Montag erst ein Vorgespräch und ob es auch gleich eine Bestrahlung gibt, wissen wir nicht.

Schatz wurde immer ruhiger und entspannter. Ich habe alles über Bestrahlung gelesen und erklärte ihm, daß man das nicht mit der Chemo vergleichen kann.
Schatz hat Bedenken wegen der alten Geräte mit denen Kassenpatienten behandelt werden. Ich versuchte ihn weiter zu beruhigen in dem ich sagte, daß auch die „älteren“ Geräte punktuell bestrahlen könnten. Es gäbe keine Ganzhirnbestrahlung. Er zweifelte zwar, aber sah ein, daß es mit Chemo nichts zu tun hat. Er hat Angst vor den Nebenwirkungen und dem Vorgang.
Ich erklärte ihm, daß die Nebenwirkungen nicht mit der Chemo zu vergleichen sind und jeder Mensch verträgt das anders. Manche merken nach 30 Bestrahlungen nichts und andere sofort nach der Ersten..kommt immer darauf an…

Irgendwann war er relativ entspannt und wir sind runter gegangen um einen Kaffee zu trinken. Wir saßen eine ganze Stunde im Bistro. Schatz wollte wieder hoch, er wäre müde.

Er legte sich aufs Bett und wurde ganz ruhig. Wir redeten über die Machenschaften und das System – diese 5 Tage Regel. Ich sagte, daß ich dafür zu wenig Informationen hätte um dies zu bestätigen.

5-Tage Regel deshalb: Als wir beim PET CT waren, sagte der Arzt, dass aus Abrechnungsgründen (oder so) es nun 5 Tage dauert, bis man ins Krankenhaus „darf“. Nun hatte Schatz die Idee, das sie ihn deswegen übers Wochenende behalten, weil die OP erst am Dienstag war und deswegen auch erst am Montag das mit der Bestrahlung los gehen kann. Dazwischen liegen 5 Tage…denn die hätten ja auch schon Donnerstag, oder Freitag mit der Bestrahlung anfangen können.

Wie gesagt, ich kann das nicht so beurteilen, ob dem so ist, oder ob das eine fixe Idee ist…aber es regt zum Nachdenken an. Vielleicht hat es auch nur schlicht mit der Naht am Kopf zu tun, oder weil das Gehirn natürlich auch etwas Zeit braucht, bevor es weiter strapaziert wird.

Zum Abend hin fragte ich ihn dann, wie er es jetzt weiter handbaben möchte, ob er morgen dann versuchen will zu gehen, mit Erlaubnis vom Arzt.
Ich sagte aber auch, daß er es doch aushalten und durchziehen könnte.

Als ich ging, war er so eingestellt, daß er den Sonntag eben auch noch durchziehen möchte, auch wenn er sich dazu genötigt fühlt.

Jetzt kommt die Nacht, er kann nicht schlafen, und ich weiß nicht mit welcher Laune und Begebenheit er mich morgen erwartet…

Ich will daß er nach Hause kommt – keine Frage, aber ich will das nicht unter solchen Umständen. Wenn er zu Hause ist und es passiert etwas unvorhergesehenes..was dann? Ich sagte ihm, daß er sich doch eine Schlaftablette geben lassen soll. Dann kann er wenigstens schlafen und steigert sich nicht so hinein.

Was mich auch wahnsinnig macht ist die Tatsache, daß wir nicht wissen WANN am Montag es ins andere Krankenhaus geht. Er sagt, ich soll auf jeden Fall dabei sein..aber fahre ich ins KH und dann darf ich nicht mitfahren?, oder fahre ich vor ins andere KH – aber wann wird er da sein und vorallem, welcher Eingang?
Ich will auch auf jeden Fall bei dem Vorgespräch dabei sein..er soll das nicht alleine machen. Ich weiß nicht was ich tun soll…vielleicht weiß morgen der Stationsarzt, wann er gefahren werden soll.

Ich meinte, er könne mich ja anrufen, dann käme ich zum anderen KH – aber dann bleibt die Frage, welcher Eingang und WO im KH ist das überhaupt.
Ich will nicht das er da alleine ist, ohne mich, und er will das auch nicht.

Ich sagte noch, er soll darauf bestehen das ich dabei bin, aber dann ist die Gefahr, daß sich alles wieder unnötig verzögern könnte. Das wäre auch blöd.

Es kann sein, daß wenn das hier jemand liest, sagt – stellt euch nicht so an, ist doch nicht schlimm, ist ja nur ein Vorgespräch – oder sowas..aber wer uns kennt weiß, das wir eine Seele in 2 Körpern sind und es einfach nicht geht, gerade bei solchen Dingen, getrennt zu sein.
Das verstehen die wenigstens einfach…er braucht mich, er hat Angst.

Mal sehen was morgen kommt…Sonntag..wahrscheinlich wieder nur das Gefühl alleine gelassen zu werden und alleine auf weiter (Ärzte) Flur zu stehen..

Bis dann

2 Gedanken zu “Flucht – dann doch nicht

  1. Veronika–aber klar doch -ihr wollt das zusammen durchmachen.Ich verstehe das.Also wer so denken würde =stellt euch nicht so an= die lassen alles über sich ergehen und mucken garnicht auf.Euer Verhalten ist genau richtig—und was der eine nid hört kriegt halt der andere mit von euch zwei. Ich kann Dein Schatz verstehen. Über das WE ist die meiste Bereitschaft zu gehen und Verärgerung der Patienten im KH.Aber noch en Wort zur Bestrahlung–ich denke aus eigener Erfahrung auch das es nichts schlimmes ist. Das Ding ist sehr groß und fährt um einen herum und sonst ist vielleicht noch ein wenig am Brummen.Aber gut , das waren 24 Sitzungen 2001 und vielleicht ist ja jetzt alles anders. Kompfortabler. Auf jeden Fall würde ich mal nicht alles glauben und gleich mehr Geduld hervoraktivieren –ob das am Montag oder Dienstag dabei bleibt. Denn Dein Mann wird nicht der einzigste sein der nicht zufrieden ist und das rechnet sich hoch–die Patienten wollen alle gehört werden. Mit den Gedanken kam ich bisjetzt gut hin.GUte Besserung –Euch zwei.Gruß Pamela

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  2. Danke pemmi 🙂

    Die Situation ist halt echt etwas, daß man seinem ärgsten Feind nicht wünscht.

    Es gibt sicherlich viel mehr Patienten die unzufrieden sind und sich alleine gelassen fühlen. So ist das System eben. Der Mensch, mit seinen Sorgen und Ängsten wird nicht gesehen, nur seine Erkrankung. Obwohl alle (Bild nach aussen von Kliniken) was anderes propagieren..

    Gruß
    Apfelbacke

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