Neues Altes – Altes Neues

Es ist eine Weile her, ich weiß. Ich kam nicht zum Schreiben, weniger als davor noch.

Die Zeit nach Papas Tod war schwer und auch seltsam für mich. Der Schmerz sitzt tief und doch kann ich nicht richtig trauern. Ich trauere immer noch um meinen Mann und dann stirbt mein Pa, 1 Jahr nach meinem Engel. Da ist irgendwie kein Platz für noch mehr Trauer. Ich vermisse ihn wahnsinnig und ich spüre jeden einzelnen Riss in meinem Herzen.

Zum 01. Mai hin habe ich es dann auch geschafft endlich umzuziehen. Also endgültig. Zuvor war ich schon immer unter der Woche im Haus und am Wochenende bei mir. Mit der Zeit blieb ich auch am Wochenende im Haus und war nur noch sporadisch, vielleicht 1 mal in der Woche für ein paar Stunden bei mir zu Hause. Packen…Kisten über Kisten und dabei hatte ich soviel aussortiert, verschenkt, entsorgt…

Naja eigentlich bin ich dann Anfang April umgezogen. Nachdem ich erst einen aussichstlosen Kampf gegen die Hausverwaltung/Besitzer gekämpft hatte. Zum Glück hat dann, innerhalb von 2 Tagen, Vorderhauszote Leute und einen Wagen organisiert. Meine Schwester hat auch geholfen und so ging der Umzug innerhalb eines Tages über die Bühne. Zum 01. Mai habe ich mich dann offiziell umgemeldet. Spätestens ab dem Zeitpunkt war die Adlerstrasse nur noch Geschichte…ein Kapitel im Leben….

Danach war ich noch mal bei mir zu Hause und habe mich verabschiedet. Bin durch die leeren Räume mit Wehmut und einer Flut an Erinnerungen. Ich hörte wie wir lachten und Schatten der Vergangenheit huschten an mir vorbei. Das Bild an der Wand hatte ich überstrichen…ich berührte es, unter der ganzen weißen Farbe, in dem ich meine Hand auf die Wand presste, wo einst sein Bild war und es kribbelte in meiner Hand. Ich spürte seine Energie. Ich entschuldigte mich und weinte.

Danach verließ ich die Wohnung. Ich wollte mich nicht umschauen, tat es an der Tür aber doch. Ein heftiger Stich traf mein Herz und ich dachte nur – ich weiß Baby…es ist vorbei..der Kampf ist vorüber und ich kann nichts mehr tun.

Ein paar Tage später war die Schlüsselübergabe…

In meinem neuen – alten zu Hause packte ich nach und nach alle Kisten aus. Schlimm war, zuerst Papas Sachen wegzuräumen, damit ich Platz habe. Ich habe das mittlere Badezimmer in Kisten gepackt und in den Keller verstaut. Auch sein Schlafzimmer ausgeräumt, bis auf den Kleiderschrank. Alles im Keller nun. Ich bringe es nicht übers Herz alles weg zu geben, oder gar fort zu schmeissen…

Der Kleiderschrank ist riesig – das freut ein Mädchenherz natürlich sehr, aber die Umstände sind halt scheisse…nach ein paar Wochen, so 2,3, war ich dann fertig eingerichtet. Nach weiteren 3 Wochen kam dann der Erbschein und der geänderte Grundbucheintrag. Meine Schwester und ich sind nun Eigentümer des Elternhauses. Es ist nun mein Haus, mit allen Rechten und Pflichten und allem drum und dran. Ich musste mich nun mit ganz anderen Dingen befassen. Versicherungen wie Haftpflicht, Gebäudeversicherungen usw. Mitgliederversammlungen und der ganze Kram. Naja läuft…

Als der ganze Papierkram erledigt war und alles in seinen neuen Bahnen lief kam ich zur Ruhe. Das war anstrengend. Ich saß (sitzte heute immer noch) Abends im Garten. Gemütlich mit einem Glas Wein, oder einem Bierchen, was eben da ist. Ich schaue den Wolken zu, wie sie vorüber ziehen, höre den Spatzen und Amseln zu, wie sie ihr Revier verteidigen und sehe die Bussarde, wie sie ihre Kreise ziehen und jagen.

Diese Ruhe in dem Garten. Anders als bei mir, denn da kam immer mal jemand reingeschneit. Aber hier?, hier ist dem nicht so. Wenn die Mama abends versorgt war, war ich ganz alleine. Ganz alleine mit meinen Gedanken die ihren Weg an die Oberfläche fanden. Verdrängte Gedanken und Erinnerungen. Ich musste mich wohl oder Übel damit konfrontieren. Und das tat ich! Es war heftig. Schmerzhaft. Ich konnte nicht mehr…

Alles das wofür ich keine Zeit hatte, alles das was begraben wurde, weil ich mich doch nicht hängen lassen konnte und alles das was ich nicht sehen wollte. Alles das kam hoch und traf mich wie ein Laster auf der Autobahn, ungebremst…ungefiltert…Dinge aus den vergangenen 1 1/2 Jahren…

Es hat Tage gedauert bevor ich auf einmal etwas positives spürte. Ich spürte eine Art von Leichtigkeit, einer Art Tiefenentspannung. Das ganze schwarze, bedrückene und die ganze Last sind von mir abgefallen. Ein seltsames Gefühl. Manchmal habe ich sogar ein schlechtes Gewissen deswegen. Wie kann ich mich so wohl und leicht fühlen, wenn mein Herz so schwer wiegt von der Trauer?

Mein Freundeskreis, meine Rudel…meine Gang:

Mit Geisenheimer habe ich nichts mehr zu tun. Es sind böse und hässliche Dinge passiert, seinerseits.

Mit „BF“ habe ich nur selten Kontakt. Sie schreibt mir über WhatsApp alle 1, 2 Monate mal ein „Hallo wie gehts dir?“ Ich antworte kühl und kurz „alles Bestens“. Ich weiß nicht ob ich den Kontakt mit ihr aufrecht erhalten möchte…

Rumpelstielzchen sehe ich einmal die Woche im Schnitt, wenn ich nach Wiesbaden rein fahre und mein altes Revier besuche.

Mit Künstlerin telefoniere ich hin und wieder und wir treffen uns dann und wann mal in der Stadt.

Rocky ist mir inzwischen ein treuer Freund geworden. Er kommt mich manchmal besuchen und manchmal quatschen wir uns so fest, dass kein Bus mehr fährt und er über Nacht bleibt.

Psycho schreibt mir regelmäßig. Neulich haben wir zusammen Party gemacht, war eine schöne Abwechlsung. Hat echt Spaß gemacht und wir wollen das auch mal wiederholen.

Die Kasteller Jungs sehe ich gar nicht mehr. Auch schreiben eher selten, aber sie sagen immer wieder, sie vergessen mich nicht.

Mit Vorderhauszote läuft es .. tja … wie läuft es. Wir hatten ja schon im letzten Jahr einen recht engen Kontakt. Seit dem ich weg gezogen bin, telefonieren wir jeden Tag. Auch wenn es nichts neues gibt, ruft er an und beschwert sich auch, warum ich ihn nicht mal anrufe. Zudem schreiben wir uns auch über WhatsApp. Er hasst schreiben, sagt er, dennoch tut er es. Seit einigen Wochen hat sich das noch gesteigert. Er schreibt mir jeden Abend „Gute Nacht“ mit einem Kuss Emoji und jeden Morgen ein „Guten Morgen“ mit ganz vielen Kuss Emojis. Wenn wir uns treffen gibt er mir zur Begrüßung einen Kuss auf den Mund und zum Abschied auch. Ich sehe ihn 1 bis 2 mal die Woche…entweder wenn ich in Wiesbaden bin, oder wenn er zu mir kommt.

Rocky fragte mich schon des öfteren, ob wir zusammen wären. Ich verneine jedesmal. Wir verhalten uns aber so. Wir schreiben, wir vermissen einander, haben unregelmäßig regelmäßig Sex, er sagt mir das er mich lieb hat, manchmal auch „ich liebe dich“.

Vorderhauszote und ich sind uns beide einig das wir nicht zusammen sind, geschweige denn zusammen kommen. Trotzdem verhalten wir uns so, als wären wir es…echt konfus irgendwie. Der Gag ist aber, es stört mich nicht. Ich habe nicht das Gefühl mit ihm zusammen sein zu wollen in dem Sinn. Vielleicht sind wir es schon längst und keiner von uns will sich das eingestehen?! Wenn ich ihn sehe, habe ich Herzklopfen. Wenn er mich versetzt tut es mir nicht weh, es ist für einen kurzen Moment ärgerlich, aber es macht mir nichts…konfus eben…

Meine Schwester (gehört nicht zu meinem Rudel) kommt einmal die Woche Mama und mich besuchen. Dann essen wir gemeinsam Mittag und verbringen einen lustigen Nachmittag miteinander. Dabei ein reger Austausch an Neuigkeiten. Wir verbringen auch mal so Zeit miteinander. Wir waren paar mal schon im IKEA und haben uns schlappgelacht. Auch mal ein Bummel in der Stadt ist drin. Mama geht es soweit gut, dass sie für ein paar Stunden alleine sein kann.

Mir persönlich geht es gut. Ich bin voller Leichtigkeit und mein Alltag besteht aus Mama versorgen, kochen, waschen, putzen – Haushalt eben. Dazwischen telefonieren und WhatsApp schreiben, am PC hängen und spielen. Abends, wenn ich im Garten sitze, denke ich viel nach. Manchmal weine ich. Ich weine um meinen Engel und meinem Papa und ich weine, weil es mir gut geht….bescheuert ich weiß….

Gleich kommt meinen Sis…bis dann ♥

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Notiz

Ich bin mittendrin in meinem anderen Leben. In dem Leben ohne dich. Es fühlt sich alles immernoch so unwirklich an, als wäre es nur ein Traum…aus dem ich ständig hoffe bitte und bete zu erwachen…

Papas Beisetzung

Montagabend kam meine Schwester. Sie hat für gestern einen Tag Urlaub bekommen. Am Dienstagmorgen sind wir eigentlich recht entspannt aufgewacht und hatten zuvor gut geschlafen.

Gegen 9 Uhr haben wir uns dann fertig gemacht. Langsam beschlich mich dieses bedrückende Gefühl. Ich will das alles nicht. Nicht schon wieder…

Um halb 10 sind wir dann los. Mama konnte nicht mit, wegen ihrem Zustand. Ich fand das alleine schon traurig. Meine Schwester und ich sind dann erst zum Floristen. Wir wollten weiße Lilien holen. Der Florist hatte keine. Er hatte überhaupt keine einzelne weiße Blumen, ausser Rosen. Papa mochte Rosen nicht besonders, aber es waren die einzigen weißen Blumen. Die Floristin hat noch etwas Grün dran gemacht und dieses Kraut eingebunden. Mir fällt grade nicht ein wie es heisst, es wird gerne auch bei Brautsträußen verwendet. Auf jeden Fall sah es schön aus.

Dann sind wir zum Friedhof gelaufen. Der Weg dorthin war auch entspannt. Am Friedhof angekommen, haben wir zuerst den großen Blumentopf mit den Primeln hingestellt. Der ist von den Nachbarn, die leider nicht kommen konnten. Ich hatte am Abend zuvor noch eine kleine Tafel gemalt mit dem Namen vom Papa.

Ich hatte einen Klos im Hals. Wir sind dann zur Trauerhalle gelaufen. Dort hat uns die Bestatterin und der Friedhofs Mensch in Empfang genommen. Die Begrüßung war herzlich und wir sind in die Trauerhalle gegangen. Dort stand Papas Urne und mir wurde schlagartig bewusst, was ich versuchte die ganze Zeit zu verdrängen. Mir schossen Tränen in die Augen. Meine Sis und ich machten Photos. Für uns und für Mama.

Wir standen relativ kurz andächtig vor der Urne, verbeugten uns vor Papa und dann sollte es losgehen. Meine Schwester hat die Urne getragen. Kaum waren wir aus der Trauerhalle raus brach meine Schwester zusammen. Tränen flossen über ihr Gesicht und sie verlor die Orientierung während sie sich an die Urne klammerte. Mir liefen die Tränen ebenso, wollte aber stark sein für meine Schwester. Der Friedhofsmensch bemerkte dies und ging dann vor uns. Am Grab angekommen übergab meine Schwester die Urne, nachdem wir beide nochmal über das kalte Metall strichen…Abschied nehmen..

Er ließ die Urne in das Grab, stand kurz mit gefalteten Händen davor, verbeugte sich und ging dann. Er ließ uns Raum zum Abschied nehmen. Meine Sis und ich fingen an zu weinen. Meine Schwester hielt sich die Rose an die Nase und durch das weinen rotzte sie in die Rose. Das verursachte ein Lachen zwischen uns. Wir weinten und lachten gleichzeitig. Dann sprach ich ein paar Worte. Ich bedankte mich bei Papa. Ich dankte ihm für alles und das er ein so toller Vater uns war. Mir versagte die Stimme und aus meiner Schwester brach es auch heraus.

Wir standen dann wortlos vor seinem Grab. Meine Schwester trat einen Schritt zurück und ich einen vor. Ich nahm die Schaufel, welche auf einer Schale mit Erde lag und nahm eine Schippe. „Erde zu Erde und Staub zu Staub. Wir sehen uns wieder, Papa“ sagte ich und schippte die Erde auf seine Urne. Danach kniete ich mich nieder und legte die Rose neben die Urne, tief im Erdreich. Das gleiche Tat meine Schwester, wortlos.

Wir standen noch eine Weile am Grab, weinten und fanden beide wie unfassbar alles ist und wie unrealistisch es ist, seinen Namen auf dem Kreuz stehen zu sehen. Dann sind wir gegangen. Auf dem Weg zum Ausgang sahen wir den Friedhofsmensch auf einer Bank sitzen. Wir winkten ihm zu und er wusste, er kann nun weitermachen….das Grab schließen…

Die Bestatterin war bereits weg. Fand ich schade, hätte gerne noch Tschüss und Danke gesagt. Naja, nicht so schlimm, sehe sie ja nochmal. Auf dem Weg nach Hause sind wir am Kiosk vorbei. Eine Flasche Wein holen. Zu Hause angekommen, haben wir Essen bestellt. Wir haben erst Mama alles erzählt und ihr die Bilder gezeigt. Sie hat um 10 Uhr, Zeitpunkt der Beisetzung, alles ausgemacht und ihren Hochzeitsspruch, welcher gleichzeitig auch beider Konfirmationspruch war, gebetet und feste an Papa gedacht.

Psalm 23 – Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führt mich auf rechter Straße um seines Willen. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereit est vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenktest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar

Mir trieb es wieder Tränen in die Augen. Wir sind nicht religiös….Papa war es ein bisschen und ich fand es so schön wie sie es erzählt hat. Dann bestellten wir unser Essen. Wir haben alle etwas ausgesucht was Papa gerne gegessen hat. Mama nahm einen Cheesburger, ich ein Steak mit Pommes und meine Sis einen mexikanischen Salat. Papas Leichenschmaus…meine Sis und ich tranken dazu ein Glas Wein. 

Am Abend ist meine Schwester wieder nach Hause gefahren, sie muss heute wieder arbeiten.

Papa wollte kein TamTam wegen seiner Beisetzung. Ihm wäre es am liebsten gewesen – verbrennen und dann die Asche einfach weg. Deswegen gab es keine Trauerfeier, keinen Pfarrer, oder sonst was. Aber ein bisschen „schön“ wollten wir es aber haben…und so war es auch. Es gab kein TamTam, aber trotzdem war es voller Respekt und Andacht. Schade fand ich das ausser seinen Kindern niemand da war. Es ging halt nicht. Die meisten seiner Freunde sind in Afrika, oder wohnen weit weg… Hamburg usw…aber alle haben trotzdem Anteil genommen. Per Telefon, oder Email, Brief….

Ein schwerer Tag. Ein schwerer Tag von vielen… Für nur 1 Minute mit meinem Papa gebe ich jeden einzelnen verdammten Cent des Erbes, das Haus, das Auto, einfach alles… Wieviel muss ich noch aushalten? Mir wird in diesem Leben alles genommen…jetzt habe ich nur noch meine Mama und meine Schwester…

Norbert, Horsti….Papa…ihr fehlt mir…was muss ich tun?

Du fehlst mir – ihr fehlt mir

vergangenen Samstag fing es morgens an zu schneien. In der Nacht auf Sonntag ist mein Papa eingeschlafen. Ab Sonntag schien die Sonne in einer unverschämten Weise. Gestern Abend ist meine Sis nach Hause gefahren und es fing an zu regnen. 

Das Wetter hat damit nichts zu tun, aber in meinem Herzen fühlte es sich so an, als doch. Der Schnee zeigte an, das du gehst. Die Sonne, das es dir nun gut geht und der Regen das du traurig bist, das Sis nach Hause gefahren ist. Aber sie kommt doch wieder!, sagte ich Papa…

Am Dienstag kam die Bestatterin. Die Fr. Hennrich ist so lieb und so herzlich. Mama weinte oft und nach dem Gespräch sagte sie, das sie die Fr. Hennrich auch haben will, wenn sie geht. 

Die Tage habe wir viel geweint. Uns aber auch zusammen gerissen. Wir wollen stark sein für Mama und sie trösten. Ich muss auch meine Schwester noch trösten. Ich selbst finde wieder keinen Trost….ich bin stark genug…ich finde meine Zeit schon irgendwann…zwischendurch weine ich trotzdem…

In der Nacht auf Donnerstag bekam ich Schmerzen im Fuß. Rheuma…Ferseninnenseite. Ich wachte mehrmals in der Nacht auf durch den konstanten Schmerz. Jedes mal dachte ich an Pa. „Ich weiß was du für Schmerzen in den Füßen gehabt haben musst. Ich spüre sie auch…sie fühlen sich so an, wie du sie beschrieben hast“ Er hatte sie an den Fersenaussenseiten, an beiden Füßen…immer….

Heute dachte ich darüber nach, dass ich nun 40 bin und die 3 wichtigsten Männer in meinem Leben schon verloren habe bzw. gehen lassen musste. 

Norbert (Bienschen) – meine große Liebe. Intensive Gefühle der Liebe, des Schmerzes und des Hasses. Er ist mit mir durch alle Gefühlsebenen des Alltags gegangen. Liebe – Betrug – Verzeihen – Freundschaft

Horsti, mein Seele, mein Leben und mein Herz – meine wahre Liebe. Wir zusammen haben Ebenen erreicht die man nur als göttlich beschreiben kann. Das hat jeder um uns herum gespürt und wir hatten soviel Liebe, das auch andere sich so wohl fühlten in unserer Wärme und in unserem Licht.

Papa…der erste und wichtigste Mann im Leben eines Mädchens. Als ich klein war sagte ich immer – wenn ich groß bin, heirate ich Papa. Er hat uns Kindern immer alles gegeben. Er war so liebevoll, manchmal streng, aber immer fürsorglich….bis zu seinem letzten Atemzug…

Ihr drei habt mich geformt, gelehrt und alles gezeigt was wichtig ist im Leben. Dennoch…wie soll ich weiterhin bestehen und alles bestreiten, wenn ihr nicht mehr da seid…ihr fehlt mir…

Grausame Routine

Gestern Abend bin ich immer wieder zu Papa ans Bett und streichelte ihm seine Wange. Ich sprach auch immer wieder mit ihm. Er war so kalt und er sah so entspannt aus. Als würde er nur schlafen. Hin und wieder weinte ich. 

Um viertel nach 8 fragte ich ihn was wir denn im TV schauen wollen und las ihm eine Auswahl vor. Ich schaltete einen Action Film ein. Ich habe den Film gar nicht richtig verfolgt. Gedanken kreisten immer wieder durch meinen Kopf und immer wieder bin ich zu ihm hin. Gegen 11 Uhr war ich müde und machte es mir auf der Couch bequem. Ich wollte ja diese eine letzte Nacht noch bei ihm sein. Ich ließ auch das Ambilight vom TV an. Alles so, wie es die letzten Wochen war. Was mich gestört hat und immer wieder zum Weinen brachte war diese Stille. Kein Sauerstoffgerät, kein Atmen und schnarchen, kein Rasseln, keine Bewegung…es war so verdammt still….

In der Nacht bin ich mehrmals aufgewacht. Das erste mal kurz nach Mitternacht. Dann um 3 Uhr, um 5 und um 7 Uhr bin ich aufgestanden. Mama hat um 3 Uhr einen heftigen Hustenanfall bekommen, gegen Morgen nochmal. Meine Schwester schrieb eine Guten Morgen WhatsApp und schrieb auch das sie um 3 Uhr in der Nacht aufgewacht war. Fand ich lustig und musste sofort an Pa denken. Ich strich ihm über den Kopf und sagte“das warst du, stimmts?“ und gab ihm einen Kuss auf die Stirn.

Um 8 Uhr ging es dann los. Die grausame Routine. Ich musste viele Telefonate führen. Bescheid sagen das mein Vater verstorben ist. Mit den Versicherungen telefonieren, dass ich die Verträge übernehme, Physiotermine absagen usw. Dann den Bestatter. In Nordenstadt gibt es keinen. Als rief ich den Bestatter an, der auch meinen Engel beerdigt hat. Am Telefon sagte er, sie wären in einer halben Stunde etwa da. So schnell, dachte ich mir. Ich hinter zur Mama und sagte ihr das. Dann fragte ich sie, ob sie nochmal Tschüss sagen wollte. Wollte sie. Ich schob sie dann zu ihm und verließ das Wohnzimmer. Ich konnte aber hören was sie sagte und es war herzzerreißend. Sie bedankte sich bei ihm, sagte ihm das er alles so toll gemacht hat, nicht mehr leiden müsse und das sie ihm bald folgen wird, damit sie wieder zusammen wären. Auch noch andere Dinge, die behalte ich aber im Herzen.

Nach einer Weile ging ich wieder ins Wohnzimmer zurück und wir weinten beide. Wir sprachen darüber wie er war, wie schön er angezogen und rasiert ist. Das war ihm immer wichtig, dass er ordentlich und chick aussah. Und das tat er! Und so sollte er auch dieses Haus verlassen… Ich schaute auf die Uhr. Die kommen jeden Moment. Ich strich Papa ein letztes Mal über die Wange und gab ihm einen Kuss. „Tschüss Papa, wir sehen uns wieder!“ sagte ich. Auch Mama küsste Pa zum Abschied. Schon klingelte es an der Tür. Ich schob Mama auf die Seite. Der Bestatter und noch jemand hoben Pa aus dem Bett und packten ihn in diesen schrecklichen Leichensack. Als sie den Reißverschluss zu machten, brach Mama fürchterlich in Tränen aus. Ich versuchte mich zusammen zu reisen und nahm sie in den Arm. Dann sind sie gegangen.

Ich sagte zur Mama, dass es immer nochmal wie sterben ist, wenn sie ihn abholen. Denn jetzt ist er endgültig weg. Sein Leben, seine Seele und sein Körper. Dann brach es auch aus mir raus… Mama wimmerte:“ja…jetzt ist gar nichts mehr von ihm da“ Sie bekam schlecht Luft. Das weinen strengt sie sehr an. Ich gab ihr eine halbe Tavor zum Beruhigen und brachte sie wieder in ihr Zimmer. Ich bin wieder ins Wohnzimmer und räumte die Sachen weg. Bettzeug, Medikamente usw. 

Ich rief den Hausarzt an um mitzuteilen das Papa tot ist und es Mama schlecht geht. Der Arzt ist dann Mittags vorbeigekommen. Der Nachmittag war ruhig. Habe fürs erste alles erledigt. Ich war im Wechsel zwischen heulen und totaler Leere. Immer wieder musste ich auch an meinen Engel denke. Dann wieder an Pa…

Morgen kommt meine Schwester und bleibt die Woche hier. Sie ist krankgeschrieben. Sie kann jetzt nicht arbeiten. Ich spreche mich dann ab, ob ich dann vielleicht Ende der Woche nach Hause fahre. Ich muss ja immer noch in meiner Wohnung weitermachen. Trotz der Trauer…trotz allem..

Meiner Schwester und mir gehört nun das Haus. Ich will es nicht. Ich will Papa wieder haben…

Jetzt ist er frei…

Die Nacht auf Samstag war anstrengend. Papa wollte nicht schlafen. Er war sehr unruhig und und fahrig mit den Händen und Beinen. Das Rasseln war mal stärker, mal schwächer. Reden konnte er manchmal nicht, es kamen nur Laute aus seinem Mund. Manchmal konnte er kurze Sätze sagen sodas man sie verstand. Es waren auch wieder die Leute da, die nur er sehen konnte. Er meinte, sie würden ihm zuhören und sie beobachten ihn, sagen aber nichts. Sie sollten sich doch setzen und nicht da rum stehen. Er meinte auch mal, es wäre eine Kamera auf ihn gerichtet. Horsti sagte das auch…

Am Morgen ist er eingeschlafen. Er konnte nicht richtig trinken. Ich beschloss dann ihm keine Medikamente zu geben. Auch seine Sprays , wie das Spiriva konnte er nicht mehr nehmen. Ich schaute auf die Uhr, es war halb 9 morgens. Gegen 11 wollte meine Schwester kommen. Es schneite und sie wollte langsam fahren. Um viertel nach 11 kam sie. Kurz vorher dachte ich mir noch, wo bleibt sie denn, denn ich wollte los. Irgendwie hatte ich dann aber wieder das Gefühl nicht fahren zu wollen.

Ich erklärte meiner Schwester was „es neues“ gibt und ich sah ihr an das sie mit den Tränen kämpfte. Ich stellte mich neben das Bett von Papa und verabschiedete mich wie immer. Dann wollte ich gehen, drehte mich aber nochmal um zu ihm und strich ihm über den Arm. ‚Ich habe dich ganz dolle lieb“ sagte ich zu ihm. Ich sagte dann noch, er solle keinen Quatsch machen und das wir uns morgen wieder sehen würden. Wieder hatte ich dieses komische Gefühl, es schnürte mir die Kehle zu. An der Wohnzimmertür sagte ich ihm nochmal das ich ihn lieb habe. Ich verabschiedete mich noch von Mama und Sis und bin dann los. Mein Kopf war leer und ich wollte auch nicht an morgen denken.

Zu Hause habe ich nicht weiter gepackt. Ich schaute nur fern. Eigentlich wollte ich auch meinen Abschiedsumtrunk absagen, tat dies dann aber nicht. Gegen 5 kamen dann Rocky und Mainzer, zwischendurch Vorderhauszote hin und wieder und Rumpelstilzchen. War ein schöner und lustiger Abend. Meine Gedanken waren ständig bei Papa. Um 1 halb 2 Nachts etwa fing ich bitterlich zu weinen an. Es war nicht wegen meinem Baby, ich wusste nicht warum. Ich heulte und heulte. Nach einer Weile ging es wieder und ich bin ins Bett. Gegen 11 bin ich aus einem traumlosen Schlaf erwacht.

Vorderhauszote wollte um12 kommen, die Waschmaschine endlich abholen. Gegen 1 war er immer noch nicht da und auch nicht erreichbar. Ich machte dann los. Ich tat etwas, das habe ich noch nie gemacht. Ich bin in die Stadt runter gelaufen und habe mir bei McD was zu essen geholt. Dann bin ich zur Bank, wollte einen Verrechnungsscheck einwerfen. Die Tür war aber gesperrt. Egal, dachte ich mir, in Nordenstadt ist auch eine VoBa. Ich fuhr dann nach Nordenstadt, eine Haltestelle weiter und warf dort den Scheck ein. Langsam lief ich dann nach Hause.

Ich öffnete leise die Tür und meine Schwester kam in den Flur geschossen. War schon seltsam. Dann sah ich ihr Gesicht. Verzweiflung, Kampf mit Tränen. Sie sagte“ich glaube er atmet nicht mehr“. Ich schoss ins Wohnzimmer und sah dann schon das mein Papa tot war. Ich fühlte den Puls, er war nicht da. Auch war er ganz kalt. Ich sagte meiner Sis „ja, Papa atmet nicht mehr“. Meine Schwester brach in Tränen aus und wir umarmten uns. Ich musste auch weinen, klar. Ich fragte sie, seit wann er nicht mehr atmet.

Sie erzählte, das sie Dschungelcamp geschaut hatte und Papa hätte immer leiser geatmet. Sie wäre dann auch so gegen Mitternacht, halb 1 eingeschlafen. Gegen 8 Uhr sei sie wieder aufgewacht und hätte sich gewundert, dass Papa so fest schläft. Irgendwann machte sie sich Gedanken, das er sich nicht bewegt. Durch das Sauerstoffgerät meinte sie aber Atemgeräusche zu hören. Im Internet las sie, das kurz vor dem Tod eine Schnappatmung auftritt und das wäre nicht der Fall gewesen. Sie war sich dann unsicher. Puls usw. hatte sie nicht gefühlt und Mama auch nichts gesagt.

Ich fragte sie, warum sie mich nicht angerufen hätte, ich wäre sofort gekommen. Kein Vorwurf, auch wenn es sich so anhört. Sie antwortete, dass sie ja nicht wusste was war. Ich nahm sie wieder in den Arm und tröstete sie, das sie nichts falsch gemacht hat. Ich ging dann zu Papa und legte die angewinkelten Beine grade hin. Die Leichenstarre war nicht sehr fest und ich konnte die Beine ohne Kraftaufwand grade hinlegen. Die Starre löst sich nach etwa 12 Stunden wieder. Ich schaute auf die Uhr und es war halb 2. Papa muss dann etwa um halb 1 gestorben sein. Vermutlich kurz nach dem meine Schwester eingeschlafen ist, denn sie sagte ja – er hätte immer leiser geatmet…

Dann wusste ich auch auf einmal warum ich so geweint hatte in der Nacht….ich spürte das Papa gegangen ist…

Dann gingen wir zu Mama hinten in ihr Zimmer. Sis weinte und ich sagte“Papa atmet nicht mehr“. Wir saßen zu dritt in ihrem Bett und umarmten uns. Sprachen uns gegenseitig Trost aus. Ich ging dann eine rauchen, danach zu Papa und streichelte ihn über seine kalte Wange und sagte“jetzt hast du doch Quatsch gemacht“. Ich stand eine Weile an seinem Bett und streichelte ihn. Dann ging ich wieder hinter und fragte Mama , ob sie ihn sehen möchte. Sie bejahte und ich schob sie sie dann zu ihm. Zwischenzeitlich rief ich den palliativ Dienst an. Ein Arzt war auf dem Weg. Nach einer halben Stunde kam er dann. Eher sie, denn das war die Frau Dr. Zapletal. Ich öffnete die Tür und war freudig überrascht sie zu sehen. Sie hatte letztes Jahr uns auch betreut. Sie umarmte mich, sprach ein Beileid aus und war voll des Lobes, dass ich die Kraft habe und mich so um Papa gekümmert habe. Sie lachte und sagte auch, als wir uns beim pall. Dienst angemeldet hätten und mein Name auftauchte, war der Hr. Müller positiv überrascht und meinte „ist das unsere Fr.“MeinName“? Die Ärztin sagte JA und das Team fand das so toll. Sie fragte mich auch, warum ich nicht in die Sterbebegleitung gegangen wäre. Ich meinte, keine Ahnung, hat sich irgendwie verlaufen. Sie bot mir an, ich solle mich doch mal melden, sie und andere aus dem Team würden es begrüßen wenn ich bei denen einsteigen würde.

Während dem Gespräch schrieb sie den Leichenschauschein und tröstet ganz liebevoll die Mama. Sie ging dann wieder. Mama streichelte unentwegt Papa und sprach mit ihm. Nach einer Stunde wurde es ihr zu anstrengend und sie wollte wieder in ihr Zimmer, in ihr Bett. Durch die Aufregung bekam sie schlecht Luft. Die Ärztin sagte, ich könne ihr Tavor geben zur Beruhigung. Half auch recht schnell.

Meine Schwester und ich zogen Papas TShirt aus und wuschen ihn. Gemeinsam zogen wir ihm ein schwarzes Hemd an. Das hätte ich alleine nicht hin bekommen. Sis ist dann gefahren. Ich habe Papa rasiert, seinen Schnauzer in Form gebracht und ihn weiter angezogen. Die Hose vom Anzug, den er trug als meine Schwester geheiratet hat und auch die Schuhe. Er sieht gut aus…

Was mich quält – er wollte am Freitag eine Scheibe Schinken haben, oder ein Schnitzel. Sein Lieblingsessen. Wir hatten keine Schnitzel da, aber Schinken. Ich habe es ihm nicht gegeben und sagte, es wäre nichts da. Ich habe ihm seinen letzten Wunsch verwehrt…es tut mir so leid.. Aber er konnte doch nicht mehr essen, er hätte den Schinken nicht runter bekommen, und wenn hätte er erbrochen….es tut mir so leid..

Zum Glück durfte er einfach einschlafen. Seine Augen waren geschlossen und auch sein Mund. Ich bin dankbar das es so gekommen ist und er nicht diesen hässlichen Erstickungskampf haben musste, wie mein Engel ihn durchmachte.

Heute Nacht schlafe ich nochmal auf der Couch. Ich bleibe an seiner Seite, so wie ich es jeden Tag in den letzten Wochen war. Morgen muss ich einen Bestatter anrufen…dann geht alles seinen Gang. 

Mama wollte zum schlafen ein TShirt von Papa haben. Papa habe ich eine Kerze ans Bett gestellt.

Papa ich danke dir das du mir so ein liebevoller und fürsorglicher Vater warst. Ich habe dich so unendlich lieb!

Leben und Tod – der Tanz hat begonnen

Papas Zustand verschlechtert sich zusehends. In der Nacht kamen alle Anzeichen, dass es zu Ende geht. Er sieht Menschen, die nur er sehen kann, er hat Nachtangst, er zieht sich aus und redet nur noch in Symbolsprache.

Am meisten beunruhigt mich bzw. das deutlichste Signal ist – das präfinale Rasseln hat angefangen. Seine Lunge füllt sich mit Schleim. Er kann nicht mehr Husten, allenfalls mal räuspern. Das „Rasseln“ ist mal stärker, mal schwächer. Es sind noch paar Tage, vielleicht, maximal, 2,3 Wochen…er wird sich noch mal aufbäumen…denke ich…wenn das passiert weiß ich sicher das es dann nur noch wenige Stunden, oder Tage sein werden.

Er spürt es selbst auch. Sagt, er gehöre nicht hier her…und andere Dinge in dieser Richtung. Symbolsprache eben…

Horsti hat immer gesagt „Ich muss (hier) weg!“ …

Gleich kommt meine Schwester. Es wird ein Schock für sie und nicht einfach. Weder emotional, noch körperlich. Ich habe kein gutes Gefühl. Was ist, wenn es jetzt richtig schnell geht?, wenn ich heute Nacht einen Anruf bekomme? Am liebsten würde ich nicht fahren wollen. Ich brauche aber Kraft für das was kommt und die Woche war anstrengend. Der Schlafmangel ist mir egal, aber ich fühle mich emotional beansprucht. Ich habe das mit meinem Engel noch in den Knochen…ich schaffe das…ich muss nur einmal richtig Kraft tanken…

Papa, bitte lasse mich dich begleiten, wenn du gehst. Diese dunkle Stunde wird Sis nicht verkraften…

Sprung in den Abgrund

Papas Zustand verschlechtert sich gerade rapide. Es geht seit Mittwoch eigentlich schon so, eher Dienstagnacht. Tagsüber schläft er nur noch, Nachts auch, aber nicht so wie am Tage. Nachts hat er Stuhlgang, meistens ab halb 1. Es geht in Richtung Stuhlinkontinenz. Er sagt, er muss und schon läuft es aus ihm heraus. Seit 2 Tagen uriniert er nicht mehr und wenn, ist es rötlich. Nierenversagen…. 

Auch sein Wasserglas kann er kaum noch halten, es fällt ihm aus der Hand. Er hört ganz schlecht und redet kaum noch. Die Sprache ist verwaschen. Oft zeigt er nur was er möchte. Zeigt auf den Mund, wenn er Durst hat, schiebt die Decke weg, wenn er muss. Er versteht nicht was man ihm sagt. Einfachste Dinge nicht. Wenn er schläft, arbeiten seine Hände oft mit und wenn er aufwacht, kann er sich nicht orientieren, denkt er träumt noch. Wenn er mich anschaut, weiß ich nicht, ob er mich ansieht, oder durch mich durschaut..

Es ist alles so wie bei meinem Engel…es zerreißt mich…Erinnerungen kommen hoch und ich habe große Mühe mich zu konzentrieren. Es geht schon, denn in DEM Moment bekommt Papa ja meine volle Aufmerksamkeit. Ich meine eher die ruhigen Stunden..

Er greift öfter an den Galgen und rüttelt nur daran…das hat Horsti auch ständig getan.

Sicherlich spielt das Morphium eine Rolle dabei…das Eine bedingt jedoch das Andere…

Heute morgen wachte er auf und krabbelte sich über den Bauch. Ich fragte ihn was er denn suche, und er sagte, ob ich den Pfeffer weg getan habe. Es stellte sich heraus, dass er sein Fresubin gemeint hatte. Ich bot ihm ein neues an und er bejahte. Es stand dann aber nur da und er rührte es lange Zeit nicht an.

Er wird unruhig und manchmal pampig. Ich verstehe das. Wer wird nicht motzig, wenn man spürt das man nicht mehr kann, was noch vor ein paar Tagen funktionierte…

Am Vormittag war er oft er wach und starrte aus dem Fenster. Dann griff er wieder zum Galgen und rüttelte daran. Langsam, so scheint es, setzt er sich damit auseinander, dass es nicht mehr besser wird…das er sterben wird…wirklich kann ich nicht wissen was er denkt, wie er denkt…ich sehe aber seinen inneren Kampf mit sich. Er kämpft manchmal auch mit sich um nicht einzuschlafen. War bei meinem Baby auch so…die Angst nicht mehr aufzuwachen. Immer wieder schläft er dennoch ein.

Ab Mittag war er im ständigem Wechsel zwischen wach und Schlaf. Er war sehr unruhig und nestelte ständig an seiner Decke, oder Hand, oder sonst etwas. Ihm ist schlecht. Er mag seine Decke nicht, sie liegt zu schwer auf ihm. Er schüttelt oft den Kopf, er denkt nach….er ist im Morphiumrausch…es macht es nicht einfacher, nicht für ihn… Manchmal bewegt er seinen Mund, als ob er spricht, aber es kommt kein Ton raus. Dann wieder einzelne Worte, mit aller Kraft formuliert. 

Am Nachmittag sagte er, er gehöre nicht hier her. Ich sagte ihm, er wäre doch zu Hause. „Zu Hause?“ fragte er, “ wer hat mich hier her gebracht?“. Ich antwortete:“Du selbst wolltest nach Hause“. „ich bin so durcheinander“ sagte er dann noch und erbrach sich. Oh man…das erste mal Symbol Sprache. Jetzt ist es sicher…er hat nicht mehr lange…die Terminalphase läuft…ich war mir bisher nicht so ganz sicher, aber nun bin ich es….

Ich hoffe er stabilisiert sich über Wochenende…ich will nicht das meine Schwester das so erleben muss…

Er entfernte die Nasenbrille vom Sauerstoffgerät und ließ sie auf den Boden fallen. Ich gab sie ihm wieder und er fragte, ob er das brauche. Er war nicht in der Lage sie sich selbst anzubringen. Ich tat das für ihn.

Auch am Nachmittag wollte er Mama sehen. Ich setzte sie in den Klostuhl mit Rollen und brachte sie zu ihm. Zuvor erzählte ich ihr Papas Zustand. Sie war sehr gefasst. Als ich sie dann ins Wohnzimmer schob, brach es jedoch dann auch aus ihr raus. Sie fing sich schnell wieder und ich zog mich zurück um ihnen Raum zu geben. Papa hat sich sehr zusammen gerissen. Nach 10 Minuten war die Anstrengung zu groß geworden. Ich brachte Mam wieder in ihr Zimmer und als ich ins Wohnzimmer zurück kam, schlief Pa bereits.

Nach einer Weile wachte er auf und sagte mir, er wolle sich bedanken. „wofür“ fragte ich und er antwortete „ich will mich bedanken bei denen, die mich hergebracht haben“. Dann schlief er ganz ruhig. Als er aufwachte, etwa eine Stunde später, war er wieder sehr unruhig. Er schlägt nach dem Galgen, versucht sich hochzuziehen. Die Anzeichen…sie sind da…

Der weitere Abend war auch mal ruhig, mal nicht. Er wusste am Abend nicht wie er seine Medikamente nehmen soll. Er wusste aber DAS er sie nehmen muss/soll. Ich bin auf die Nacht gespannt. Ich bereite mich auf eine kurze Nacht vor..auf einen „halben Stunden“ Schlaf…so oder so, sie wird anstrengend werden.

Vorhin bekam er Sodbrennen und Halsschmerzen. Ich gab ihm Natron. Das kam postwendend wieder raus, mit einem riesen Schwall. Ich habe in sauber gemacht und umgezogen. Mein armer Papa…die Endphase ist so grausam, warum muss er so leiden…

Morgen ist meine Sis da…das wird was werden…hoffentlich stabilisiert er sich wieder ein bisschen…wenigstens fürs Wochende. 

Dialog mit mir

Heute habe ich Geburtstag…meinen 40! 

Heute Nacht um viertel vor Mitternacht dachte ich nach. Ich erinnerte mich, wie es vor 2 Jahren noch war. Baby und ich köpften um Mitternacht unseren Krim, Tradition. Letztes Jahr öffnete ich unseren Krim alleine…in diesem Jahr gar nichts. Ein paar Tränchen kullerten.

Papa hat schlimme Schmerzen in den Füßen. Durch das ständige Novalgin ist ihm dauernd schlecht und er muss brechen. Er bekommt Lyrica, aber so niedrig dosiert, helfen nicht wirklich. Dann gab ich ihm Paracetamol. Nach einer Stunde kamen die Schmerzen wieder und ich gab ihm wieder das Novalgin. Kurze Zeit später ist er eingeschlafen, es war inzwischen halb 2 in der Nacht. Mit einem offenen Auge legte ich mich auch hin.

Er isst seit ein paar Wochen immer weniger und nun mit der Übelkeit seit einer Woche gar nichts mehr, ausser vielleicht mal eine halbe Tasse Brühe, oder ein bis 2 Kekse. Das mit dem Essen wird eh weniger, das bringt der Krebs mit sich…aber jetzt mit der Übelkeit?, muss doch nicht sein…. Er hat lange geschlafen heute, bis halb 9. Er ist heute noch schwächer als sonst und schläft fast nur. Bis auf die Medis haben wir heute alles weggelassen. Kein Zähneputzen, kein Füße eincremen, kein gar nichts. Es ist wieder einer dieser Tage an denen ich mir denke, dass es nicht mehr lange dauert…kann aber auch von den ganzen reingenonnerten Schmerzmitteln sein. Das er noch zusätzlich sein Morphin hat, muss ich ja nicht extra erwähnen. Zumindest hatte er am Mittag ein Fresubin…dann wieder schlafen..am Abend war er recht wach und wir haben auch gelacht. Ein schönes Gefühl. Nach einiger Zeit ist er wieder eingeschlafen, nach seinem Abend Fresubin.

Als ich Mama ihr Frühstück brachte, gratulierte sie mir zum Geburtstag. In ihren Augen sah ich, wie traurig sie ist bzw. wie leid ich ihr tue, so einen Geburtstag haben zu müssen. Ich ging eine rauchen. Im Haus wird nicht geraucht, bin dann wie immer vor die Tür. Während ich rauchte dachte ich auch darüber nach wie scheisse alles ist. Bin ja kein Kind mehr, trotzdem fands ich traurig das ich „mein“ Geburtstagsessen nicht bekomme, nicht schön zusammen sitzen kann mit meiner Familie und was das alles doch für Geburtstag sein soll. Dann riss ich mich zusammen und besann mich. Es ist zwar mein Ehrentag, aber meine Eltern sind nun mal sterbenskrank. Das sollte kein Platz sein für so dämliche, egoistische Befindlichkeiten. 

Über diese Gedanken hörte ich eine innere Stimme. Sie sagte:

Was jammerst du eigentlich rum?, Baby hätte dir in den Arsch getreten! Dir geht es doch gut. Du bist gesund, hast ein Dach über dem Kopf und Essen frei, zahlst keine Miete, kein nichts, bekommst den Löwenanteil Pflegeld. Auch wenn du heute Geburtstag hast, ist das ein Tag wie jeder andere auch…es gibt Dinge im Leben die sind wichtiger. Du klammerst dich nur wieder an vergangenes…es zählt das HEUTE und das MORGEN, gestern ist vorbei und unabänderlich. Das kommt nur vom selbstmitleidsgebade der Leute und du verlierst dich darin!

Diese Stimme hat so Recht. Selbstmitleid bringt einen nicht weiter, es blockiert nur. Mein Engel und ich hatten so wunderbar erleuchtende Gespräche über Selbstmitleid und Co. Ich erinnere mich daran, teils mit Wehmut, teils mit dem Schlag auf den Tisch. Er hatte Recht! Es ist einfach so…

Die Zigarette war dann fertig und ich ging wieder ins Wohnzimmer. Mein erster Blick ging natürlich zum Papa. Er schläft, atmet mehr oder weniger regelmäßig und er sieht so zerfallen aus…so krank, so blass. Der Anblick ist schrecklich. War bei meinem Engel auch so…Krebs ist so verdammt grausam…in jeglicher Hinsicht.

Zwischendurch am Tag und Abend riefen immer mal Freunde und Familie an um zu gratulieren. Immer dieses Mitleid in den Stimmen. Ich mags nicht, ich kannst nicht. Mein größter Lichtblick war Vorderhauszote. Erst hat er meinen Geburtstag vergessen, dann entschuldigte er sich 1000 mal dafür. Ich sagte ihm immer wieder, es wäre nicht schlimm, es wäre doch egal…ein Tag wie jeder andere. Er lachte, sagte 40 ist eben nicht egal und baute mich etwas auf. Am Abend rief er nochmal und wir unterhielten uns noch etwas. Dann schickte er mir über WhatsApp eine Gute Nacht mit Kuss-Smileys…gar nicht seine Art, fand ich aber lieb.

So geht auch heute der Tag zu Ende, wie jeder andere auch. Ich bin dankbar für alles was ich habe, mehr brauche ich auch nicht. Weiß nicht woher mein Anflug von Motz kam…das war mein kleiner Wassermann in mir, mein kleiner EgoDämon….so bin ich nicht mehr…so ist das mit der Vergangenheit, manchmal taucht sie wieder auf.

Die Wochenenden sind gezählt

Seit Anfang Januar bin ich an den Wochenenden bei mir zu Hause, um zu packen. Die erste Zeit habe ich viel getrödelt und mich lieber mit anderen Dingen beschäftigt. Richtig ins Zeug gelegt habe ich mich nun vergangenes Wochenende. Küche soweit fertig, nur noch Kram den ich selbst mit dem Auto transportieren muss, Wohnzimmer ähnlich. Mein Büro ist schnell gepackt und dann noch das Schlafzimmer. Ich bin nicht sicher, ob ich das nun alles kommendes Wochenende schaffe. Ich möchte am Samstag meinen Geburtstag etwas „nach feiern“ und gleichzeitig eine Art Abschied feiern. Ich schau weit ich komme.

Die ersteZeit habe ich nur ausgemistet. Unglaublich, was man sich für einen Kram ansammelt. Habe ich alles weg, bis auf ein paar wenige Stücke. Ansonsten alles weg…alter Dekokram, gesammelte Gläschen zum einwecken, Kram halt…ich war dabei relativ entspannt. Auch die ersten Kartons haben mich nicht sehr berührt, Erinnerungen habe ich verdrängt. Jetzt am Samstag habe ich nicht auf gepasst. Jedes Teil, welches ich in Zeitungspapier einschlug und in den Karton packte, schnürte mir mehr und mehr die Kehle zu. Als ich dann unsere Jonglierbälle fand, war es aus. Es brach aus mir raus und ich habe richtig realisiert, dass ich ausziehe. Ich will aus meiner Wohnung nicht raus! Ich muss…es tut mir so weh diese Wohnung zu verlassen. Es ist wieder ein Abschied. Ein großer Abschied…wieder eine bedeutende Veränderung…

Ich habe dann abgebrochen. Hatte schon gut was geschafft und ich habe noch Zeit. Auf der anderen Seite will ich schon schnell fertig werden….aber…ach man…es fällt mir so schwer….

Es ist auch so anstrengend. Unter der Woche pflege ich meine Eltern, am Wochenende muss ich zusehen fertig zu werden. Ich hatte vor mir nach dem packen Ruhe zu geben, etwas zu entspannen und Kraft zu sammeln. Meine Leute, die mich vermissen, möchten mich auch sehen, und so war der Samstagabend wieder länger als es hätte sein dürfen, als ich geplant hatte. Trotz meinem Geburtstags/Abschiedsumtrunk am kommenden Samstag wird es nicht ausarten. Spätestens um Mitternacht mache ich meine Hütte zu. Klar ist das leicht gesagt, man weiß ja wie das ist, aber ich brauche Zeit für mich! Auch um selbst Abschied zu nehmen…für mich alleine…da muss ich meinem Ego mal die Regie überlassen…

Am kommenden Wochenende werde ich nicht soo viel schaffen, denke ich. Ich werde die Wohnung aber an einem anderen Wochenende fertig bekommen, das Gartenhäuschen ist bereits leer, dann habe ich meinen Keller noch…und mein Garten. Ich möchte ein paar Pflanzen mitnehmen, will die nicht dort lassen. Seine Spiegeleierblumen, mein kleiner Magnolienbaum und mein kleiner roter japanischer Ahorn…alle anderen lasse ich da…schweren Herzens…

Ich liege trotz allem in meinem Zeitplan. Anfang/Mitte März habe ich mir gesetzt….es sind noch ein paar Wochenenden…nicht mehr viele…sie sind gezählt.